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Fachtagung der St. Lukas-Klinik - Erfahrungs- und Meinungsaustausch

Menschen mit Behinderung medizinisch gut zu versorgen, erfordert besondere fachliche Qualitäten, Aufmerksamkeit, Zuwendung – und viel Zeit. Darin waren sich die rund 150 Teilnehmer beim "Forum Medizin und Behinderung" einig, zu dem die St. Lukas- Klinik in Liebenau (Bodenseekreis) eingeladen hatte. Einigkeit herrschte aber auch in der Forderung an die Gesundheitspolitik, dieses zeitaufwendige Engagement finanziell besser zu honorieren.


Gute Medizin für Menschen mit Behinderung

Seit zehn Jahren verfügt die St. Lukas-Klinik in Liebenau neben den Abteilungen für Innere Medizin und für Kinder- und Jugendpsychiatrie auch über zwei Stationen für die allgemeine Psychiatrie. Hintergrund: Menschen mit einer geistigen Behinderung haben ein erhöhtes Risiko, psychisch zu erkranken; Versorgung und Behandlung der Betroffenen setzen ein differenziertes und individuell gestaltetes Angebot voraus. Nötig ist zudem ein Mehr an Zeit, um bestimmte Verhaltensweisen zu verstehen und diagnostisch einzuordnen, so die Erfahrung der Mitarbeiter. Zum zehnjährigen Bestehen der Erwachsenenpsychiatrie in der St. Lukas-Klinik sollte nun Bilanz gezogen und ein Blick auf die weitere Entwicklung geworfen werden.

Kleinod im Gesundheitswesen

Für Dr. Wolfgang Wasel, Generalbevollmächtigter der Stiftung Liebenau, ist die St. Lukas-Klinik nicht nur ein ausgewiesenes Kompetenzzentrum, sondern "ein Kleinod in der Welt des Gesundheitswesens", auf das man stolz sei. In seiner Begrüßung sprach Wasel auch den Faktor Zeit an und forderte, "diese Zeit dingfest zu machen und sie nicht nur den Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen, sondern auch in den Entgelten abzubilden." Dies müsse bei der Entwicklung der Tagespauschalen für den Psychiatriebereich besonders aufmerksam beobachtet werden.

Prof. Dr. Jeanne Nicklas-Faust zielte mit ihrem Referat "Gute Medizin für Menschen mit Behinderung" in dieselbe Richtung: Die zeitaufwendigere Versorgung dieser Patienten müsse dringend mit einer besseren Bezahlung gewürdigt werden. Nicklas-Faust, Fachärztin für innere Medizin, kennt die Problematik aus dreifacher Perspektive: Sie lehrt an der Evangelischen Fachhochschule Berlin, ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Lebenshilfe und Mutter einer geistig behinderten Tochter.

Andere Lebensform

Auch wenn Behinderung keine Krankheit sei, sondern "eine andere Lebensform", so seien behinderte Menschen dennoch in besonderer Weise auf das Gesundheitssystem angewiesen, machte die Medizinerin deutlich. Etwa bei der Förderung, durch die sich die Möglichkeiten des behinderten Menschen ausschöpfen und Folgekosten verringern ließen. "Die Frühförderung hat uns gelehrt, was alles möglich ist", sagte Nicklas-Faust und verwies zudem darauf, dass von zwölf Mitgliedern des Bundesvorstands der Lebenshilfe derzeit drei Menschen mit geistiger Behinderung seien. Ganz wichtig mit Blick auf diese Erfahrung: "Viel zutrauen und für möglich halten". Das Fazit von Prof. Jeanne Nicklas-Faust: "Es ist normal, verschieden zu sein."

Inklusion als Ziel

"Hilfe, mein Therapeut versteht nur Nicht-Behinderte" – so amüsant-provokant wie Jan Glasenapp seinen Vortrag überschrieben hatte, so führte er die Tagungsteilnehmer auch durch die ambulante psychotherapeutische Arbeit mit behinderten Menschen. Als entscheidendes Prinzip nannte der psychologische Psychotherapeut mit eigener Praxis in Schwäbisch Gmünd dabei die Inklusion. Die völlige Einbeziehung von Menschen mit Behinderung bleibe freilich eine Illusion, wenn der gesellschaftliche Rahmen dafür nicht berücksichtigt werde.

Um Patienten zu mehr Lebensqualität zu verhelfen, müsse das Augenmerk verstärkt auf deren positive Seiten gerichtet werden und weniger auf die Probleme. Den Pflegekräften, die der Gefahr ausgesetzt seien, Gewalt zu erleiden und auszuüben, empfahl Glasenapp, ihr Ich und ihre Professionalität zu stärken. "Sie sind das Kapital einer Einrichtung", machte der Psychotherapeut den Mitarbeitern Mut.

Faktor Zeit ist wichtig

Anhand von Fallbeispielen schilderten Dr. Jürgen Kolb, Chefarzt der Abteilung Erwachsenenpsychiatrie, und Stefan Meir, psychologischer Psychotherapeut, ihre ganz alltägliche Arbeit in der St. Lukas-Klinik. Ob es der Wechsel in der Gruppenzusammensetzung ist oder ein persönlicher Verlust, der den behinderten Menschen belastet: Immer gelte es für die Therapeuten, sich ein verlässliches Bild des Patienten zu verschaffen und, im Idealfall, positive Verhältnisse zwischen Patient und Umgebung herzustellen. Auch hier, so Dr. Kolb und Stefan Meir, spiele der Faktor Zeit eine ganz entscheidende Rolle.

erstellt am 08.03.2010


Forum Medizin und Behinderung

Erfahrungs- und Meinungsaustausch beim Forum Medizin und Behinderung in der St. Lukas-Klinik.

 


St. Lukas-Klinik gGmbH in Meckenbeuren-Liebenau ist ein Fachkrankenhaus für Menschen aller Altersstufen, die behindert und körperlich oder psychisch erkrankt sind oder wegen der Schwere ihrer Probleme eine therapeutische Begleitung und individuelle Förderung benötigen.
www.st.lukas-klinik.de