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Abschied von den Abschiedsmenschen

von Prälat Michael H. F. Brock - Ich möchte gern den Abschiedsmenschen Mut zusprechen. Was ist ein Abschiedsmensch, fragst du? Na, eben Menschen, die sich ständig verabschieden. Erst verabschieden sie sich von den Visionen und Träumen der Jugend, dann von ihrer Natürlichkeit, damit meist auch ihrer Schönheit, bis sie hineinpassen in die Welt, wie sie wirklich ist.

Rollenverhalten ist das Gebot der Stunde. Aufgaben, Herausforderungen. Es sind nicht alle Menschen Abschiedsmenschen, aber doch viele, die das Leben einfach bewältigen wollen. Und es ist ja auch nicht leicht. Schule ist eine Hürde, für manche schon der Kindergarten. Ausbildung ist eine Hürde, für manche das Studium. Berufswahl wird zum Lotteriespiel oder zur Überlebensfrage. Partnerwahl ist Abschiednehmen von den vielen Möglichkeiten. Wer aber das Leben bewältigen möchte, der gehört mit Sicherheit zu den Abschiedsmenschen. Und am Ende bleibt jenen nur das Abschiednehmen vom Leben. Das ist keine mutige Perspektive, eine hoffnungsvolle schon gar nicht. Aber ich möchte Hoffnung stiften, Freundschaft, Berührung, Glück. Zu hoch gegriffen? Nein. Unterhalb der Hoffnung bleibt ja nur Abschied.

 

Manchen Menschen muss man es zusagen, also sage ich es: Schau beim Abschied nicht zurück, wehmütig schon gar nicht. Du kannst an vergangenen Tagen nichts mehr ändern. Aber du darfst neu beginnen. Jeden Tag darfst du neu beginnen. Beginne mit den Träumen. Versuch, wieder zu träumen. Du musst immer ernst sein? Komm, ich schenk dir ein Lachen. Es ist ein Lachen des Neubeginns. Und hör endlich auf zu rennen. So als könnte man dem Abschied davonlaufen. Bleib einen Augenblick stehen. Wähle eine Richtung, wähle, wähle! Ein Neuanfang ist nicht immer die Garantie dafür, dass alles besser wird. Aber er ist eine Garantie dafür, dass es anders wird. Du wendest ein, dass das beim Abschiednehmen auch so ist. Das mag sein. Aber der Blickwinkel ist ein vollkommen anderer. Wer Abschied nimmt, schaut zurück: Habe ich alles richtig gemacht? Wie verlasse ich den Ort, die Kollegen, die Freunde? Wer neu anfängt, hat andere Fragen, einen anderen Blickwinkel. Einen, den ich den Abschiedsmenschen wünsche: Ein kurzer Blick zurück in Dankbarkeit: Ich bin ich, wie ich geworden bin, gereift.

 

Gut, es gab auch Verletzungen. Auch Augenblicke, von denen ich mich eigentlich nicht verabschieden möchte. Aber jetzt gilt: Was bringe ich mit in meine neue Zukunft? Wer bin ich heute für morgen? Was kommt auf mich zu? Innehalten, tief durchatmen. Ich wünsche den Abschiedsmenschen Perspektiven von Zukunft. Das wäre es: Denn das Leben gilt es nicht zu bewältigen. Und wir dürfen niemals das Gefühl bekommen, von Rollen oder Anforderungen erdrückt zu werden. Es gilt zu leben. Sicher: das Leben ist nicht immer einfach. Und doch hängt viel an der Perspektive, die ich wähle: Beginne ich neu, jeden Tag neu. Jeden Lebensabschnitt neu? Oder reihe ich Abschied an Abschied? Ich setze auf den Neubeginn. Der braucht Mut, Zuversicht. Manchmal auch nur Vertrauen.