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Der Papst tanzt Tango

von Prälat Michael H. F. Brock – Es war ein Traum. Immer wieder träumte ich ihn des Nachts, wenn die Bomben fielen. Er begann immer gleich. Ich hörte die Einschläge der Bomben, fühlte die Schreie der Kinder und weinte mich in den Schlaf. Dann spürte ich, wie es Nacht wurde in meinen Gedanken, und wachte im Traum auf, sah mich aus dem Fenster eines Autos, auf dessen Rücksitz ich saß, auf zerbombte Städte blicken. Ich konnte nicht sehen, durch welche Stadt ich fuhr. Zerbombte Städte sehen immer gleich aus. Schutt, Asche, Dreck, unbewohnbare Häuser und Menschen, die ziellos herumirrten oder zusammengekauert an den Straßenrändern saßen.

Im Traum fuhr ich auf einen Grenzübergang zu. Er schien endlos weit weg. Niemand hat ein Zeitgefühl im Traum. Aber mir schien die Fahrt endlos zu sein. Der Grenzübergang war gut bewacht. Starke Männer in grünen Uniformen bewachten ihn. Das Auto, in dem ich fuhr, hielt an. Kontrolle. Ja, natürlich: der Pass, das Visum. Den brauchen sie hier nicht, sagte der Mann mit einer freundlichen Stimme. Und seine grüne Uniform war mit Blumen geschmückt. Aber ich war viel zu nervös. Passkontrolle ohne Pass? Mein Visum ungültig. Ich begann zu schwitzen.

 

Wir kontrollieren keine Pässe, sagte der Mann noch einmal, wir kontrollieren hier nur die Herzen. Menschen mit einem guten Herzen lassen wir über diese Grenze. Und er legte seine Hand auf meine Brust, hörte mein Herz schlagen und sah mir in die Augen. Ich hielt den Atem an. Aber ich durfte die Grenze überqueren. Kaum war ich auf der anderen Seite, parkte ich das Auto dicht an der Grenze. Denn dort gab es keine Straßen. Dort war ein großer, bunter Garten. Der Gesang von Vögeln war zu hören, und Kinder spielten in bunten Sommerkleidern auf der Wiese. Menschen gingen Hand in Hand spazieren, und Brot wuchs an den Bäumen, und Wasser konnte man trinken aus dem blauen Fluss, der das ganze Land durchströmte. Ich fühlte mich frei und glücklich. Ich durchschlenderte den Park, sah einen Rabbi in eine Kirche gehen, der Papst tanzte Tango, und die Luft war voller Musik. Menschen tanzten, und die Alten sah ich Geschichten erzählen. Der Unterricht der Kinder fand unter freiem Himmel statt. Mir schien als wären alle Sprachen und Ethnien vereint unter einem Himmel, der keine Grenzen kennt. Ich legte mich auf die Wiese und sah den Wolken nach. Es waren weiße Wolken in einem strahlend blauen Himmel, der sich am Horizont mit dem blauen Fluss und den grünen Wäldern vereinte. Hier würde auch ich glücklich sein.

 

Doch genau an dieser Stelle meines Traumes wachte ich jedes Mal auf. Roch wieder den Geruch der Bomben und befand mich wieder im Luftschutzbunker meiner Realität. Warum, so fragte ich einen Freund, warum kann mein Traum nicht Realität sein? Es könnte das Glück so unermesslich sein. Und er gab zur Antwort: Es reicht ein Mensch, dessen Herz verhärtet ist, nur ein einziger. Und du wirst jedes Glück mit Gewalt verteidigen müssen, damit es dir nicht zerstört wird. So traurig ist die Welt, sagte ich. Nein, so hoffnungsvoll sind deine Träume.

 

Autor und Sprecher: Prälat Michael H. F. Brock
Quelle: anstifter 2/2022