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Die Geschichte ist schnell erzählt

von Prälat Michael H. F. Brock - Die Geschichte vom Barmherzigen und dem Elend: Jeder kennt sie. Keiner aber weiß, wie sie ausgegangen ist.

Ich möchte es erzählen. Ein Mann fiel auf dem Weg von Jerusalem herab nach Jericho unter die Räuber. Das war nichts Außergewöhnliches. Der Weg war gefährlich. Steil führte er hinab nach Jericho, mitten durch die herabstürzende Wüste. Mal waren es die herabflutenden Bäche, die sich nach den Herbstregen von Jerusalem aus in die Tiefe stürzten, mal waren es die Räuber, die lauerten auf unbewaffnete, wehrlose Opfer. Der Tod lauerte zwischen Jerusalem und Jericho. Und also plünderten sie ihn, schlugen ihn, bis er halbtot am Wegesrand liegend in seinem Blut ersticken sollte. Wir empören uns seit Jahrhunderten über jenen Levit und jenen Priester, die beide auf ihrem Weg nach Jerusalem an jenem Halbtoten vorbeikamen und ihm nicht helfen wollten. So steht es geschrieben. Der Levit kam, sah ihn und ging weiter. Der Priester kam, sah ihn und ging weiter. Dann aber kam ein Mann aus Samaria. Auch er sah den am Rand Liegenden und hatte Mitleid. So steht es geschrieben. Und in einer zu Tränen rührenden Genauigkeit beschreibt die Bibel, wie jener, der keinen Glauben hatte, sich niederkniete und die Wunden mit Öl und Wein versorgte. Er lud den Sterbenden auf sein Reittier und brachte ihn zu einer Herberge und versorgte ihn. Am folgenden Tag gab er dem Wirt zwei Denare. Er möge ihn versorgen. Und wenn das Geld nicht reichen würde, jenen zu pflegen, würde er mehr Denare geben, wenn er von seiner Reise zurückkehren würde.


Einzig die Barmherzigkeit zählt, oder eben reine Menschlichkeit. Das wissen wir, wenn wir diese Geschichte hören. Und jeder, der in Not ist, hat ein Recht auf sorgsamste Zuwendung. Persönliche und institutionelle. Es kostet Zuwendung, und es kostet Geld. So einfach ist das. Ohne den Samariter wäre jener, der am Wegesrand lag, elend gestorben.


Damit sind die wichtigen Fragen entschieden. Die Frage, was das wichtigste Gebot im Leben ist, Gott zu lieben und den Nächsten wie mich selbst. Und die Frage, wer sich dem Elenden als sein Nächster erwiesen hat. Jener, der barmherzig gehandelt hat.


Aber warum hören die Sonntagspredigten hier immer auf? Keiner predigt über den Leviten und den Priester. Sie bleiben im Dunstkreis unserer Empörung und genießen seit Jahrhunderten Verachtung. Verachtung, die sie nicht verdient haben – wie ich meine. Verachtung gilt der Religion und dem Gesetz, dem sie gehorchten. Denn so war es. Beide waren auf dem Weg zum Tempel in Jerusalem. Beide hatten ein Amt und mussten es „rein” verrichten. Mit Blut durften beide nicht in Berührung kommen, das hätte sie verunreinigt und der Dienst am Tempel wäre ihnen nicht möglich gewesen. Auf den Punkt gebracht: Sie hatten im Namen ihrer Gesetze und Vorschriften aus religiösen Gründen keine Chance, sich barmherzig zu zeigen. Der Samariter aber war frei, sich menschlich zu gebärden. Dieser Teil der Geschichte ist bis heute nicht aufgearbeitet. Auch die Priester und Leviten von heute beugen sich unter der Last der Gesetze und Wahrheiten, unter Gehorsam und Zwängen. Sind sie deshalb so weit weg vom Elend der Menschen? Häufig jedenfalls. Sie sprechen eine Sprache, die die am Rande Liegenden nicht mehr verstehen. Haben wir die Sprache von Öl und Wein verlernt? Manchmal scheint es so. Auch sie sollen Gott lieben und den Nächsten. Aber lieben sie sich noch selbst? Sind sie zur Liebe fähig, wenn ihnen allzu oft Beziehung versagt bleibt? Und ihnen die „Reinheit” höher wiegt als der Schmerz der Elenden? So haben sie es gelernt. So hat man es ihnen beigebracht. So wollte man sie haben. Ausgesondert aus dem Volk. Hervorgehoben in den Tempeln ihrer Religion. Gott zu Ehren. Und ich stelle die Frage: Hat das der Samariter, der von aller Religion des Tempels befreit ist, nicht besser gemacht? Ich bin dem Levit und dem Priester persönlich nicht gram. Vielleicht konnten sie nicht anders, als an dem Elenden vorbeizugehen. Ich bin beschämt, weil ihre Religion, ihre Gesetze und Vorschriften der Barmherzigkeit und Menschlichkeit im Wege standen. Aber ich möchte nicht zu abstrakt und schwarz-weiß die Schuldfrage ausbreiten. Denn Religion und Kirche sind ja keine abstrakten Größen, die der Barmherzigkeit im Wege stehen. Barmherzigkeit gedeiht und wächst im Herzen eines jeden Menschen. Aber Menschen müssen sich auch entscheiden. Der Weg der Barmherzigkeit ist meistens nicht besonders mächtig, sondern mitleidig zugewandt. Dazu bedarf es auch einer Herzensreife, die oft über Jahrzehnte wachsen muss. Dies zuzulassen bedeutet, einen Weg zu beschreiten, der auch steinig sein kann. Angst habe ich vor Religionen, wenn sie von Menschen geführt werden, deren Herzen versteinert sind und bei denen die Versuchung, Macht über Menschen und Institutionen, das Mitleid vertrieben hat.

 

Was muss ich tun, um in das Ewige Leben zu gelangen? Dies fragte ein Gesetzeslehrer Jesus. Geh und handle barmherzig. Das ist die Antwort. Und ich schaue in den Spiegel und sage es mir jeden Tag neu, damit auch ich, der ich ein Priester bin, es nicht vergesse: Handle barmherzig und menschlich, wo immer Menschen dich brauchen. Denn es liegen noch viele am Wegrand zwischen Jerusalem und Jericho. Und das ist das wahre Ende der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Es steht der Ungehorsam der Priester und Leviten bis heute aus. Allzu oft jedenfalls. Ich kenne Ausnahmen – Gott sei Dank!