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Ein alter Gedanke in eine neue Zeit

von Prälat Michael H. F. Brock - Was fange ich an mit Sonntagstexten am Montag? Biblische Texte als Wegbegleiter durch unsere Arbeit.

Immer wieder, wenn ich neue Gedanken suche für uns, Bilder und Gleichnisse entwickle, aus denen wir unsere Haltung ableiten können, auch unsere Visionen, unsere Bilder, die uns leiten, kehre ich zu alten Texten zurück. Es sind nicht meine Texte und es sind nicht meine Gedanken, obwohl viele davon zu meinen Gedanken wurden im Laufe der Jahre. Und am liebsten würde ich einfach die Originaltexte abdrucken, jene der Bibel. Immer wieder ein alter Gedanke in eine neue Zeit. Meine Erfahrung aber ist, dass die allzu bekannten Texte zu wenig Ausstrahlung haben in unseren Alltag hinein. Was fange ich an mit Sonntagstexten am Montag? Am Dienstag? Am Mittwoch? Am Donnerstag? Am Freitag? Am Samstag? Was würden die Texte bedeuten, wenn sie nur noch an Hochzeiten verlesen und an Gräbern gesungen würden? Also möchte ich die Bibel befragen.

 

In diesem Jahresbericht beschäftigen wir uns schwerpunktmäßig mit unserer Fachlichkeit. Was steht beschrieben für Heilerziehungspfleger, für Ärztinnen, für Altenpflegekräfte, für Verwaltungsangestellte, für Gärtnerinnen, für Förster, für alte Menschen, für Gebrechliche, für Menschen mit einer geistigen Behinderung, für Schüler, für Lehrerinnen, und was steht über deren Fachlichkeit und die Notwendigkeit von Fachlichkeit in der Bibel? Und wie wird sie beschrieben?

 

Ich lade Sie ein, lesen Sie das Original. Es steht im Korintherbrief:

 

„Und noch einen - einen Weg höher als alle, zeige ich euch. Wenn ich mit Zungen der Menschen und der Engel rede, die Liebe aber nicht habe - dröhnender Gong bin ich oder lärmende Zimbel. Und wenn ich Prophetenrede habe und weiß, die Geheimnisse alle und alle Erkenntnis, und wenn ich allen Glauben habe ­ zum Bergeversetzen – die Liebe aber nicht habe – so bin ich nichts. Und wenn ich all mein Hab und Gut veralmose und meinen Leib zum Verbrennen ausliefere, die Liebe aber nicht habe- so nützt es mir nichts.“

 

Er ist so wunderschön, dieser Text, und die Gedanken, die auf Jesus von Nazaret zurückreichen. Auf den Mann, der uns zur Seite steht, wenn wir nach unserer Haltung suchen und unseren Alltag bewältigen müssen. Und also versuche ich zu übersetzen – ein wenig jedenfalls. Wenn wir unsere Strategien niederschreiben, unsere Leitbilder, wenn wir sie übersetzen würden, all die Rahmenbedingungen und Gesetze, die Ordnungen, die uns umgeben, und wir hätten uns aufs Äußerste bemüht, alles richtig zu machen, es jedem recht zu machen und wir hätten alles verschriftlicht und dokumentiert – „hätten aber die Liebe nicht“: Dann hätten wir verloren, worum es eigentlich geht. Es geht nicht um die Sprache von Menschen und Engel. Es geht nicht um das Einhalten von Gesetzen allein. Es geht nicht darum, die schönsten Leitbilder und die wohlklingendsten Strategien und Visionen zu formen. Es gilt über alles, dass wir miteinander in Beziehung bleiben. In gelebter, gefühlter, ehrlicher, zugewandter Beziehung. Wenn wir bei allem, was wir reden, vergessen würden, für wen wir es tun, dann wäre jedes Wort umsonst.

 

Und wie war das mit der Prophetenrede? Wenn ich wüsste von allen Geheimnissen und den Erkenntnissen, die sich vermehrten, also wenn sich alles fortentwickelte, Fortschritt in der Medizin, immer neue Wege der Pädagogik und Pflege, immer bessere Wege in der Begleitung durch Bildung – und wieder dieser ominöse Satz –„und hätte ich die Liebe nicht“, wäre alles nichts. Also: Die Medizin möge sich nicht an den Techniken messen, die Pflege nicht an der Effizienz und die Pädagogik nicht an der reinen Lehre. Was immer es ist, Medizin, Pflege, Pädagogik, Bildung, alles muss sich wieder ausrichten auf Beziehung hin. Alles was in unseren Büchern steht, muss sich verlebendigen in der Beziehung zu einem Menschen. Und es muss einem Menschen nicht einfach etwas nützen, es muss ihn eine Spur glücklicher machen, heiler, gesünder, versöhnter. Wenn das gelingt, erst, wenn uns das gelingt, wird unsere Haltung eine wirklich menschliche sein. Dann nehmen wir den wahr, den wir in unserem Leitwort in unserer Mitte sehen: den Menschen.

 

Gleiches gilt für den Glauben. Der Glaube ist nicht einfach ein Für-wahr-Halten oder eine Sehnsucht oder eine Hoffnung oder gar ein Dienen. Glaube ist ein Bergeversetzen in der Liebe, einem Sterbenden die Hoffnung öffnen für den Himmel. Der Glaube an die Befähigung und die Fähigkeiten eines Menschen, nicht der ständige Blick auf seine Defizite. Der Glaube, dass Gott den Geringsten unter uns liebt und wir also den Schwächsten am meisten lieben dürfen. Und Gleiches gilt für den Umgang mit dem Geld – so jedenfalls steht es in der Bibel. Bei allen Mitteln einer Streitkultur um soziale Gelder dürfen wir niemals vergessen, dass wir Geld einzunehmen nicht als Selbstzweck betreiben. Wir nehmen Geld ein, weil unsere Dienstleistung es wert ist, und weil wir sie entsprechend bezahlen. Wir nehmen Geld ein, damit wir auch in 10, in 20 und in 100 Jahren noch dienlich sein können für bedürftige Menschen. Ja, und wir wollen auch Geld geben, wo wir nichts verdienen, wo aber Menschen unsere Aufmerksamkeit verdienen im Gemeinwohl – bei unserer Gemeinwesenarbeit, bei sterbenden Menschen im Hospiz, bei den Kindern in Bulgarien. Und es steht auch biblisch beschrieben, warum wir es tun dürfen: wieder aus Liebe zu Menschen. Nicht damit wir gelobt werden, sondern damit Menschen mit unserem Engagement und mit den Mitteln, die wir aufbringen, gut im Leben begleitet werden.

 

Ich lese diese biblischen Texte oft. Sie sind für mich keine Glaubensromantik und auch keine Sonntagsreden. Sie sind Wegbegleiter durch unsere Arbeit, durch unser Leben – immer mit der Bitte, dass unser Leben aus Beziehung besteht und wir so aneinander gesund bleiben oder werden und am Ende keiner einsam sterben muss. Die biblischen Texte – sie sind unsere Messlatte für unsere Haltungen, sie sind unser Gewissen, sie sind Ansporn und Geschenk.

 

Michael H. F. Brock