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Eine Aufmerksamkeit

von Prälat Michael H. F. Brock - Er läuft nicht mehr so schnell wie früher. Er versucht, es zu vertuschen. Doch ich nehme wahr: Es ist sein linkes Bein, das er ein wenig nachzieht.

Wahrnehmungen. Er läuft nicht mehr so schnell wie früher. Er versucht, es zu vertuschen. Doch ich nehme wahr: Es ist sein linkes Bein, das er ein wenig nachzieht. Geschickt bleibt er für einen Augenblick stehen. Sein rechter Fuß nimmt Anlauf und setzt sich parallel, doch leicht vor den lädierten Fuß. Dann zieht er das linke Bein nach. Kaum wahrnehmbar, wie er dabei die Augen zukneift und sich ein wenig auf die Lippen beißt. Er hat Schmerzen.

 

Heimlich übt er. Er stellt seine Füße parallel. Kreist fast unmerklich mit der Hüfte. Er sucht ein Gefühl von Sicherheit zurückzubekommen. Wenn er sich unbeobachtet glaubt, krümmt sich sein Rücken ein wenig. Ob er kleiner geworden ist in den letzten Jahren? Ein wenig, scheint mir.

 

Immer häufiger lässt er sich einen Bart stehen. Versucht er, die Falten um die Mundwinkel zu vertuschen? Er sieht strenger aus mit den Falten. Seine Augen sind kleiner geworden auf jeden Fall. Immer häufiger entzündet. Und seine Hände zittern. Nicht immer. Aber wenn er sich beobachtet glaubt. Ich versuche, ihm ein Gefühl von Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn er es mit Neugierde verwechselt, wird sein Zittern mehr. Wir sollten sterbenden Menschen nicht mit Neugierde begegnen. Mit Aufmerksamkeit, ja. Aber niemals neugierig.

 

Immer häufiger scheint sein Blick an einem Punkt des Horizontes zu verweilen. Dann sitzt er, wie erstarrt, in seinem Sessel. Sein Blick geht weit. Was er wohl sieht, dort in der Ferne? Er trägt seine Brille gar nicht. Kann er sehen ohne Brille? Er schaue in sich hinein, hat er einmal gesagt, als er bemerkte, wie ich ihn beim Blicken beobachtete. Ob er nochmal einen Brief schreiben würde, habe ich ihn gefragt. Einen richtigen Brief meinte ich. Einen auf Papier mit Füller geschrieben und seinen Gedanken. Seine Gedanken passen in keine WhatsApp-Nachricht. Mit einem Smiley sind seine Gedanken nicht zu beschreiben. Bei ihm sind die Wälder meist blau und die Sternenzauberfee existiert in seinen Gedanken noch lebendig.

 

Ob er noch Geschichten erzählen wird? Oder beginnt jetzt sein Schweigen? Er habe, so erzählte er mir eben, in den Augen seiner Pflegerin eine Träne entdeckt. Heute Morgen kurz nach Dienstbeginn. Er habe ihre Hand für Sekunden länger gehalten als üblich, hat er gesagt. Ob sie es bemerkt haben würde, fragte er mich. Er hätte sie wahrgenommen, meinte er, die Träne. Du bist aufmerksam, sagte ich leise. Er liebt Suppe, aber er isst keine Suppe mehr. Es wäre ihm peinlich, wie er sie ständig verschüttet. Und er liebt saubere Hemden. Ob ich ihm einen Löffel reichen würde, wenn es keiner sieht, fragte er. Ich sagte kein Wort. Ich reichte ihm einen Löffel Suppe. Gut, dass ich noch vorbeigekommen bin, dachte ich. Wir schreiben uns ja täglich auf Whats-App. Aber wie sich seine Hand anfühlt, kann kein Smiley vermitteln. Er werde nochmal einen richtigen Brief schreiben, versprach er.