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Spiritualität der Einfallslosigkeit

von Prälat Michael H. F. Brock – Mühelos kann ich bei mir und anderen beschreiben: Tage, Situationen, Augenblicke, manchmal auch Monate und Jahre, in denen ständig etwas hereinbricht in meinem Leben – einfällt – sozusagen. Geplantes und Ungeplantes. Das fängt im normalen Alltag an. Meist beginnt es geplant.

 

Die Arbeit unserer sechs, acht oder zehn Stunden am Tag sind getaktet. Beim einen von uns in Stunden und Termine, beim nächsten in Produktionsabläufe, bei anderen in Dienstleistungen, die an bestimmte Qualitäten und Abläufe gebunden sind. Das könnte ich beschreiben bei Menschen, die in der Verwaltung arbeiten, aber auch bei Menschen, die Dienst tun in einem unserer Pflegeheime oder in der Begleitung von Menschen mit Behinderung. In der Schule bei Lehrern und Schülern, in Werkstätten, in ambulanten oder stationären Settings. Die geplanten Elemente des Tages sind eng, und wir übersehen, dass meist täglich irgendeine Situation, ein Mensch, ein Ruf oder eine Notwendigkeit uns zwingt, unsere Taktungen noch enger zu setzen, noch mehr in einen Tag hineinzupacken, als er ohnehin schon planerisch vertragen würde. Und dabei kommt uns vieles dann vor wie Einfälle, Hereinbrechendes, Hinzukommendes, Ungeplantes, Notwendiges. Manchmal ist dieses Gefühl sogar schon bei Kindern zu sehen und zu erleben, die völlig anders aufgewachsen sind als wir in unserer Jugendzeit. Da war freie Zeit eingeplant. Aufstehen, Waschen, Frühstück, Schule, Schularbeiten – das kannten wir auch – eingetaktete Zeit. Aber meist und zu allermeist war am Tag auch noch freie Zeit, Freizeit. Wenn Sie so wollen einfallslose Zeit. Zeit für uns zum Spielen, zum Tun oder Nichtstun.

 

Und schließlich beispielhaft: Was ist, wenn über uns hereinbricht, mitten in unserer Alltäglichkeit geplanter, verplanter Zeit, dass ein Todesfall uns erreicht, wir herausgerissen werden aus unserer Normalität. Konfrontiert werden damit, wie schnell alles zu Ende sein kann und Trauer uns überkommt. Und wir meinen zusätzlich bewältigen zu können, was doch eigentlich dann Hauptsache wäre: Trauer, Tränen, Begleitung. Und wir versuchen, uns zu disziplinieren.


Oder etwa, wenn uns selbst eine Krankheit überfällt, die ebenfalls nicht geplant sein kann, schon gar nicht gewollt. Auch sie kann im Erleben sein wie ein Hereinbrechen, Hereinfallen in unsere Vorstellung, unser Leben gestalten zu dürfen. Das, was ich beschreibe, sind keine Sondersituationen des Lebens, sondern ein Stück weit Normalität. Menschsein eben. Mit all seinen geplanten und nicht geplanten Einfällen. Aber ein Immer-Mehr des Hereinfallens, des Überfallen-Werdens des Lebens ist menschlich auf Dauer nicht erträglich und auch nicht gesund, weil – erlauben Sie mir den Begriff aus der Mathematik – ein additiv gelebtes Leben, also eines, wo immer mehr hinzukommt, irgendwann zu einem Lebensberg und einer Lebensaufgabe wird, die auf uns einstürzt, weil uns immer mehr einfällt, auffällt, hineinfällt in unser Leben.


Ich plädiere für eine Spiritualität der Einfallslosigkeit. Jedenfalls hin und wieder. Wir müssen eingeübt, einstudiert und auch gelernt haben – etwa mit uns selbst oder einem Kreis, der zu uns gehört – auch einfallslos zu leben. Was ich meine, sind etwa Zeiten der Stille, Zeiten, die ungeplant sind, Zeiten der Ruhe, der Besinnung, des Ausruhens, des Wieder-zu-Kräften-Kommens. Mir fällt auf, wie Jesus, dem wir folgen, immer wieder neu für sich selber sein kann. Er zieht sich zurück auf einen Berg, er fährt hinüber ans andere Ufer des Sees. Er spricht immer wieder davon, dass er auch allein sein möchte. Ich denke, um Kraft zu schöpfen für die vielen Einfälle, die im Leben dann wieder warten. Menschen, um die er sich kümmert, Menschen, zu denen er spricht, Menschen, mit denen er Gemeinschaft hält. Ja, ich bin davon überzeugt: Wer es zulässt, dass sein Leben immer nur die Aneinanderreihung und Aufhäufung von neuen Einfällen wird, wird irgendwann einmal zusammenbrechen. Die Einfälle werden dann zu Ausfällen werden. In den Gedanken, in der Kraft, in der Sehnsucht, in der Bereitschaft, für sich und andere da zu sein. Einfallslose Zeit ist auch geschützte Zeit. Menschen – und das gönne ich jedem von uns – brauchen auch Zeiten, in denen nichts einfallen kann, einfallen muss.

 

Einmal nicht denken, einmal nicht für jemand sorgen, einmal nicht Anstrengung und Arbeit, einmal nicht nur Fürsorge, Hektik, Achtsamkeit und Leistung. Einfallslose Zeit kann sehr kreativ sein. Das kann Urlaub bedeuten, das kann Stille bedeuten, Musik, Nähe, Zeit zum Auftanken an Leib und Seele. Ja, das wünsche ich uns hin und wieder: Eine Spiritualität der Einfallslosigkeit.

 

 

Autor und Sprecher: Prälat Michael H. F. Brock
Quelle: Michael H. F. Brock, Gemüsesuppe zum Kaffee © Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2018. www.verlagsgruppe-patmos.de // Jahresbericht 2015