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Über das Schöne

von Prälat Michael H. F. Brock - Ich habe Worte gefunden, die mich tief bewegt haben. Die Worte stammen von Gabriel Barylli: „Man muss mit allem rechnen, auch mit dem Schönen.“

Diese Worte standen auf einer Weihnachtskarte. Jetzt liegt die Karte auf meinem Schreibtisch und erinnert mich. Mit was rechne ich jeden Tag. In meinen Begegnungen. Menschen begegnen mir und ich ihnen. So unterschiedlich sind mir meine Begegnungen.

 

Begegnen wir uns einfach in der „Rolle“, die wir haben. Dann begegnet einem Mitarbeiter der Vorstand und umgekehrt. Das löst etwas aus: Abstand, Respekt, Vorsicht. Das geht aber nicht nur mir so. Das geschieht für gewöhnlich in allen Hierarchie-Ebenen. Immer wenn einer mehr Macht hat als ein anderer, oder einfach eine andere Verantwortung, ganz wie wir es sehen wollen. Abstand ist ja auch nichts Schlechtes. Das richtige Maß von Nähe und Distanz ist immer gut. Respekt erbitte ich mir geradezu und hoffe auch, dass ich Menschen mit Respekt begegne. Schließlich ist Vorsicht nie falsch.

 

Doch irgendwie fehlt mir etwas im Aussprechen dieser Worte. Rechne ich bei dem, was immer mir begegnet, eigentlich noch mit dem Schönen? Und ich gehe auf die Suche in meinen Gedanken und in meinem Herzen nach einer Übersetzung. Ich meine so etwas wie Feinheit und Stil. Ist Anmut spürbar in unseren Begegnungen? Ich spüre wie mir diese Suchbewegung beginnt Freude zu machen: Ist Faszination spürbar in unseren Gesprächen? Entfaltungskraft, die nicht sofort auf das Machbare zielt, sondern sich erst einmal auch ausprobieren will? Gibt es noch Spielräume für Natürlichkeit? Sind noch Augenblicke von Entdeckerfreude und Zeitlosigkeit möglich in unserem Handeln? Kann ich Charismen zulassen unter uns und begeistert es mich, wenn ein anderer Ausstrahlung besitzt? Können mich Gedanken noch in den Bann nehmen? Lasse ich mich noch betreffen vom Leid oder Glück eines Menschen? All diese Gedanken kommen in mir vor, wenn ich mir die Frage stelle: Kann ich noch Schönes zulassen, suchen, erleben?

 

Musik hilft mir manchmal. Ein Blick nach draußen in die Natur. Ein kleines Gespräch. Ein Augenblick Schweigen. Und dann lasse ich mich wieder ein auf das, was wir den Alltag nennen. Aufgaben, Anordnungen, Forderungen, Überforderungen. Alltagsgeschehen. Und ich führe mir vor Augen, wie jeder von uns an seinem Ort mit seinen Aufgaben, seiner Lebenssituation seine ureigenen Augenblicke durchlebt. Ich wünsche sie mir von Schönheit getragen. Weil wir das sind. Jeder einzelne von uns so, wie er eben ist, weil er ist. So jedenfalls möchte ich Menschen betrachten und begegnen. Menschen sind nicht einfach Rolle oder Funktion. Nicht einfach Mitarbeiter oder Vorgesetzter, nicht einfach nur Klient, Patient oder Schüler. Wir sind gemeinsam, zusammen und jeder für sich und für andere die Strahlkraft einer Schöpfung, der wir verbunden sind. Es ist dies die Idee einer Welt, die sich faszinieren lässt vom Guten. In dem das Versagen nicht zur Verwerfung wird, sondern zum Anlass einander zu tragen. Und darum schätze ich die Karte auf meinem Schreibtisch. Sie erinnert mich bei aller Alltäglichkeit: Man muss mit allem rechnen, auch mit dem Schönen.