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Von Zeit zu Zeit

von Prälat Michael H. F. Brock - Es sei noch Zeit, viel Zeit. Aber das stimmt so nicht. Die Jahre sind ein Wimpernschlag der Zeit.

An die Zeiten, da die Zeit einfach nicht vergehen wollte, erinnere ich mich kaum. Es muss die Zeit gewesen sein, als ich noch nicht laufen, sprechen und selbständig denken konnte. Diese Zeit verging langsam. Fast ein Jahr war es, bis ich die ersten Worte sprechen konnte. Und noch gut ein Jahr, bis jemand meine Sprache auch verstand. Gut ein Jahr war es, bis ich die ersten Schritte selbstständig bewerkstelligte. Unendlich die Zeit des Gehorsams. Unendlich die Zeit, mich zu suchen in einer Welt, die mir immer zerrissen schien. Zerrissen zwischen Träumen, Visionen, Wirklichkeiten, Macht, Interessen. Wer war ich in dieser Welt? Durfte ich sein, musste ich sein? Sei einfach du selber, sagte man mir. Aber wer war ich? Ich kenne Menschen, die wollten immer sein, was andere von ihnen erwartet haben. Alle sind sie abhängig geworden von den Erwartungen anderer. Manche sind es ihr ganzes Leben geblieben. Möglicherweise haben sie auch nie gemerkt, wer sie selber hätten sein können, und sind deshalb auch nie erschrocken über sich selber. Ich meide solche Menschen. Weil sie nicht zu erkennen sind und wohl auch nicht erkannt werden wollen. Sie sind der Spielball von Menschen, die aus Liebe, Lust, Eifersucht oder Dummheit Menschen missbrauchen. Menschen haben den Hang, einander besitzen zu wollen. Sie nennen es Partnerschaft und meinen doch Gefangenschaft und wissen es nicht. Sie wissen es nicht besser.

 

Ich hatte immer das Glück, etwas Sinnvolles tun zu dürfen. Und es war mir lange egal, was es war; es musste nur Sinn haben. Ich habe bei der Post gearbeitet. Das hatte einen Sinn. Ich durfte Briefe austragen. Ich habe Land vermessen für einen Energiekonzern. Ich habe bei Böhringer Ingelheim Schmerzmittel gemischt einen Sommer lang. Das ergab in diesem Sommer auch Sinn, nach den vielen durchzechten Nächten. Ich habe für eine Spedition Holz ausgefahren und im Krankenhaus als Hilfskraft gearbeitet. Ich war Kellner und konnte Philosophie studieren. Ich habe ein Jugendhaus geführt und trug Leinenhosen in Erinnerung an Mahatma Gandhi, lange Haare und Stirnband, um irgendwie anders zu sein oder einmalig. Ja, das wollten wir sein, einmalig. Aber das waren wir nicht. Unsere Einmaligkeit war rein äußerlich. Und blieb es lange Zeit. Als ich erwachsen wurde (was immer das ist), passte auch ich mich an. In meinem Beruf trägt man Anzug, trägt die Haare einigermaßen kurz und benimmt sich anständig (was immer das ist). Es spielt eigentlich keine Rolle, wer von uns was tut. Ich war schon Kellner und weiß, dass man Menschen braucht, die anderen dienstbar sind. Und es sind wertvolle Jobs. Als ich kranken Menschen das Bett gemacht, sie gewaschen und umsorgt habe, habe ich erfahren, wie es ist, ein kleines Rad im Getriebe der Gesellschaft zu sein. Und ich weiß, was es bedeutet, Macht zu haben und sie auch auszuüben. Heute weiß ich, was mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Die Familie, in die ich geboren wurde, hat mich geprägt. Die Strenge des Vaters und die Freunde auf meinem Weg. Und das Glück, das mir begegnet ist. Ja, es ist mir immer wieder das Glück begegnet und (wie immer dies geschah) ich habe es wahrgenommen. Das Glück, dass ich eine Schulleiterin hatte, die mich durchs Abitur „geprügelt” hat. Das Glück, dass ich Menschen getroffen habe, die mir geholfen haben, durch die dicken Wälzer der Dogmatik und des Kirchenrechts immer noch den Menschen zu sehen.

 

Ich hatte Glück, dass ich viele Jahre Theater gespielt habe. Vielleicht war das mein größtes Glück. Ich lernte, in Rollen zu denken, Rollen auszufüllen. Aber auch Rollen zu unterscheiden von mir selber. Das lerne ich bis heute, zu unterscheiden. Jeder von uns lebt in erwarteten Rollenmustern. Als Vater, Mutter, Kind, Freund, Bekannter, Kollege, was immer. Wir alle leben in Erwartung und sind konfrontiert mit Erwartungen. Lebensbedingungen werden zur Bühne unseres Lebens. Aber wen geben wir heute? In welchem Spiel spielen wir? Lustspiel oder Tragödie, Drama oder Satire? Ich habe gelernt, dass irgendwann alle Rollen, die wir gelebt haben, zu meiner Person gehören, ob ich will oder nicht. Worauf es ankommt. Dass ich meine Rollen auch mit meiner ganzen Person gedeckt weiß. Ich habe sie nicht gespielt, um anderen zu gefallen, oder weil sie von mir erwartet wurden. Die Erwartungsrollen habe ich abgelegt. Zwar erst ziemlich spät, aber immerhin. Weil ich spürte, dass das Leben im Erwartungshorizont der anderen mein eigenes Leben immer hintenanstellt. Alles, was mich geprägt hat, kann ich nicht mehr ändern, und ich habe mich damit versöhnt, dass mir auch nicht alles an mir gefällt. Ich schaue von Zeit zu Zeit in den Spiegel und versuche, ehrlich zu mir selbst zu sein. Bist du noch du selbst? Bei allem, was ist und war? Oder bist du zum Schauspieler geworden? Vor dir, vor anderen. Ich habe immer gesucht. Heute weiß ich, dass das Suchen bleiben wird bis zum Ende. Und bin damit einverstanden. Ich kenne noch nicht jeden Winkel meines Herzens und lerne immer mehr Stellen in meinem Körper kennen, die mir Schmerzen bereiten. Ich weiß heute, dass es Liebe gibt, aber dass wir sie nicht besitzen können und auch nicht dürfen. Allenfalls, dass mir Augenblicke geschenkt werden, die ich teilen darf, und die Zeit, die Augenblicke im Nachhinein zu einem Bild formen kann, wenn ich mich entscheide, sie nicht festzuhalten. Ich lerne, dankbar zu sein und neugierig zu bleiben, und ungeduldig bin ich, wie damals, als ich noch nicht laufen konnte. Ich kann es einfach nicht erwarten. Von Zeit zu Zeit möchte ich bleiben in einem Augenblick geliebter Umarmung und gehe doch weiter. Am Ende wird es ein Wimpernschlag im Licht der Zeit gewesen sein, mein Leben. Aber es wird meines gewesen sein. Und ich möchte Ihnen Mut machen. Ihr Leben ist Ihres. Also leben Sie.