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Auf dem Weg

von Prälat Michael H. F. Brock – Erst als es wirklich nicht mehr zu schaffen war, beschlossen wir, Oma ins Pflegeheim zu geben. Rund um die Uhr uns zu kümmern, hatten wir versucht. Waschen, Essen reichen, anziehen, den Tag gestalten: All das wollten wir so lange wie möglich gemeinsam und zuhause tun. Zeit war eine Grenze und Kraft.

Wir konnten die Zeit nicht aufbringen, nicht in der Fülle, wie Oma sie gebraucht hätte. Und sie im Bett zu wenden, damit sie nicht immer in gleicher Lage auf der Matratze liegen musste, sie gar zu mobilisieren und in den Rollstuhl zu setzen, dafür wurde sie zu schwer, oder uns selbst ging die Kraft aus. Schweren Herzens riefen wir im Heim an. Dort stand Oma schon lange auf der Warteliste. Es ist so weit, sagte ich der Heimleitung, und tatsächlich hatte sie für die darauffolgende Woche ein Zimmer frei. Aber wie würde Oma aufgenommen werden von Pflegekräften, Hilfskräften, hauswirtschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und wie würde Oma sich fühlen an einem fremden Ort mit fremden Menschen. Ich spürte Trauer hochkommen, und ich rang ein wenig nach Luft. Frau W., die Heimleiterin des Pflegeheimes, schien es zu spüren. Kaffee? Gerne! Wir tranken Kaffee. Ich bekam den Heimvertrag, die Hausordnung, konnte mir das Zimmer ansehen. Zwanzig Quadratmeter, Nasszelle, Einbauschrank, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett, ein Fernseher. Sieht ein wenig nach Hotelzimmer aus, dachte ich.

 

Herr B., sagte Frau W., heute fangen zwei neue Pflegekräfte bei uns an. Ich möchte sie gerne mitnehmen, Herr B., zur Begrüßung. Ich war überrascht, wie Frau W. die neuen Pflegekräfte begrüßte. Wenn ihr ab heute miteinander Dienst tut, sagte sie, versteht euch immer als Team. Und es geht immer und ausschließlich um das Wohl unserer Gäste. Ich möchte, dass ihr euch immer vor Augen führt: Menschen, die bei uns wohnen, sind auf der Reise. Sie haben ihre Koffer gepackt und sind von zuhause aufgebrochen. Hier bei uns im Pflegeheim machen sie noch einmal Rast vor dem Sterben. Und unser ganzes Bemühen muss es sein, ihnen die Rast so geborgen wie möglich zu gestalten. Ich weiß, wir werden für jeden einzelnen wenig Zeit haben. So vieles muss geleistet werden. Wecken, Medikamente richten, waschen, anziehen, pflegen, den Tag gestalten. Ihr wisst schon, was alles zu tun ist. Das Entscheidende aber ist, mit welcher Haltung wir es tun. Denkt immer daran. Die Bewohner sind unsere Gäste auf einer der wichtigsten Reisen ihres Lebens. In ihrem Gepäck ist ihr ganzes Leben. Erinnerungen. Glück und Schmerz. Jeder trägt sein ganzes Leben mit sich. Manchen müssen wir tragen helfen, andere gehen unbeschwert, manche freuen sich auf diese Reise, andere haben Angst. Wir wissen nicht, wann sie wieder aufbrechen von hier. Aber wie sie sich fühlen hier bei uns, dafür stehen wir ein: Wir behandeln unsere Gäste mit großem Respekt und würdevoll. Erst wenn sie sich geborgen fühlen, sind wir zufrieden.

 

Gäste auf ihrer wichtigsten Reise, dachte ich. Ja, so ist es und so darf es sein. Und so werde ich es Oma sagen können, dass sie auf dem Weg in eine neue Heimat noch einmal Herberge bezieht und Gast sein darf.

 

 

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