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Auf der Flucht

von Prälat Michael H. F. Brock – Das Matthäusevangelium beschreibt gleich zu Beginn, dass Maria, Josef und das Kind Jesus sich auf der Flucht befanden. Sie waren auf der Flucht aus Angst vor Terror und Willkür eines Herrschers, der seine Macht bedroht sah durch die Verheißung des Friedens.

Kein Mensch verlässt gerne seine Heimat. Es muss schon existenzielle Not, Angst und Verzweiflung vorliegen, Bedrohung und Sorge um Leib und Seele. Dann aber brauchen wir Menschen, Länder und Kulturen, die die Flüchtenden aufnehmen, Schutz gewähren, Sicherheit, Obhut.

 

Ich schreibe als Theologe, nicht als Politiker, wenn ich sage: Ich lasse mich auf die Diskussion um die einzelnen Beweggründe von Menschen auf der Flucht gar nicht erst ein. Wenn Angst und Verzweiflung Menschen dazu treibt, ihre Heimat zu verlassen, dann darf es keine Diskussion mehr geben. Über alle Grenzen und Länder und Kulturen, auch Religionen hinweg gilt: Menschen haben ein Recht auf ein angstfreies Leben, weil sie Menschen sind. Und diese Erde hat keine Besitzer. Wir haben ein Recht, diese Erde zu verwalten im Namen dessen, der sie uns geschenkt hat. Aber – unserem Glauben folgend gibt es keinen Gott der Deutschen, der Europäer, der Amerikaner, der Chinesen, der Syrer, der Afghanen...

 

Es gibt nur einen Gott in unserem Glauben und er ist Gott der ganzen Erde. Es ist Menschenwerk, eine Götterwelt zu formen, die Menschen eingrenzt oder ausgrenzt. Es ist Fanatismus zu glauben, Gott erlaube es, dass Menschen gegen Menschen vorgehen. Es ist Terrorismus, wenn Menschen in Angst, Schrecken und Verzweiflung getrieben werden. Es ist eine Wahnvorstellung, wir Menschen müssten uns gegeneinander kriegerisch verhalten, weil ein Glaube es uns so vorgeben mag. Wir haben jedenfalls als Christen eine eindeutige Haltung (Gott sei Dank nach genügend Irrläufen auch in unserer eigenen Geschichte). Es gibt keinen Gott, der den Krieg erlaubt, Menschen gegen Menschen, Kultur gegen Kultur, Land gegen Land. Es gibt nur EINE Menschheitsgeschichte GOTT – MENSCH. Und also nur eine MENSCHHEIT mit viel Verwandtschaft und kultureller und religiöser Vielfalt.

 

Maßstab ist für mich unser Verhalten in Religion, in Kultur und Gesellschaft. Auf Gott berufen mag sich ein jeder, der im Namen des Friedens unterwegs ist, Menschen entgegenzugehen, ihre Ängste zu umarmen. Weil Menschen frei sind, wird es immer Menschen geben, die andere Menschen unterdrücken wollen um ihres eigenen Vorteils willen. Weil wir Menschen frei sind, werden wir uns immer wehren (müssen) gegen jede Form der Ungerechtigkeit und des Missbrauchs von Macht. Und wir können biblisch lesen, dass Menschen auf der Flucht immer schon darauf angewiesen waren, dass Menschen Menschen beschützen. Stellen wir uns vor, Josef, Maria und Jesus hätten in Ägypten keine Zuflucht gefunden. Gottes Sohn wäre umgekommen auf der Flucht wie heute Tausende auf ihrem Weg aus Ländern der Unterdrückung und des Krieges nach Europa. Wir hätten von Gottes Botschaft in menschlichen Verhältnissen nie erfahren.

 

Ich sage willkommen den Menschen, die auf der Flucht sind. Biblisch haben sie einen Anspruch auf Sicherheit und Auskommen, bis sich die Verhältnisse geändert haben und sie in Frieden heimkommen können. Wer heute Jesus folgen möchte, fragt nicht nach Herkunft, Kultur und Religion. Wer ihm folgen möchte, fragt nach Not und Linderung. Was brauchen Menschen, die sich in Angst und Verzweiflung an uns wenden? Sie brauchen Menschen, die sie als Menschen an- und aufnehmen.