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Autismus – Na und? Ausbildung trotz Asperger-Syndrom

RAVENSBURG – Beliebte Berufswahl von Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung: ein Job in der IT-Branche. Im Ravensburger Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) der Stiftung Liebenau finden diese jungen Menschen ein geeignetes Umfeld, um mit der nötigen Unterstützung den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu schaffen.

Kopfhörer auf, Kaffeetasse auf dem Tisch und der konzentrierte Blick auf die Bildschirme: typische Szene im Ausbildungsalltag der angehenden IT-Fachkräfte im Berufsbildungswerk der Stiftung Liebenau.

Eintauchen in den Programmcode: Ein angehender Fachinformatiker aus dem Berufsbildungswerk der Stiftung Liebenau bei einem Ausbildungsprojekt.

Für jedes Problem eine Lösung

„Die darf da eigentlich noch gar nicht sichtbar sein.“ Leander deutet auf die Mauer am Fuße eines Bergs auf seinem Bildschirm. Die virtuelle Landschaft ist Teil eines Computerspiels, das der angehende Fachinformatiker gerade im Rahmen eines Ausbildungsprojektes programmiert. Er stoppt den Ablauf, ein anderes Fenster auf dem zweiten Monitor öffnet sich. Hier im Quellcode, vielleicht irgendwo zwischen den Zeilen 550 und 650, müsste sich der Fehler verstecken. „Probleme erkennen, Lösungen finden“ – das mache ihm Spaß, sagt der 22-Jährige.

 

Diagnose als Erleichterung

Seine Leidenschaft für Computer und Technik entdeckte Leander schon im Kindesalter. Was ihn auf seinem Weg in die berufliche Zukunft aber mehrfach zurückwarf, blieb lange unklar. Immer wieder gab es Ärger. Er flog von der Schule, kam über das Jugendamt dann in ein Internat, wo er seinen Werkrealschul-Abschluss machte. „Ich wusste schon, dass irgendwas mit mir ist, aber ich konnte es nicht betiteln.“ Erst im BBW in Ravensburg, wohin es ihn zunächst zur Berufsvorbereitung verschlug, erhielt er dann endlich den Befund: Er ist vom Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, betroffen. Für ihn sei die Diagnose eine Erleichterung gewesen, berichtet er.

 

„Man scheitert, aber man weiß nicht warum“

Ganz ähnlich ging es seinem Azubi-Kollegen Jan. Schon in der Schule habe er Schwierigkeiten gehabt, selbstständig zu arbeiten, erzählt der 25-Jährige. Nach dem Abitur startete er dann zwei vergebliche Anläufe zu studieren. Doch: „Mir hat da die Struktur gefehlt.“ In der fünften Klasse hatte man ihm zwar ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) bescheinigt, doch die Probleme blieben: „Ich bin überall immer wieder angeeckt.“ Im Kreise seiner Kommilitonen fand er keinen Anschluss, bekam Depressionen. „Man scheitert, aber man weiß nicht warum.“ Vor vier Jahren erhielt er schließlich die Diagnose Autismus. Eine Befreiung. Denn: „Nun hatte ich endlich einen Namen für alles.“

 

Von der Uni ins BBW - kein Einzelfall

Mit dieser späten Gewissheit ist Jan kein Einzelfall, wie Dr. Stefan Thelemann, Leiter des Fachdienstes Diagnostik und Entwicklung, erklärt: „Es gibt hochfunktionale Autisten, die in der Schule oder auch im Studium zunächst noch ganz gut klarkommen. Erst, wenn es um komplexe soziale Aufgaben geht, wenn die vorgegebenen Strukturen verlorengehen, gibt es Probleme. Und dann landen solche Menschen nach Abbruch ihres Studiums unter anderem im BBW, um hier eine Ausbildung zu machen – in einem Umfeld, das ihnen das ermöglicht.“ Und dieses Umfeld bietet autismus-gerecht ausgestattete Arbeitsplätze mit reizarmer Atmosphäre, kleine Berufsschulklassen, genügend Auszeiten, geschulte Ausbilder, professionelle psychologische Begleitung durch den Fachdienst und ein behutsames Heranführen an den allgemeinen Arbeitsmarkt. Partnerbetriebe, in denen Praktika absolviert werden können, stehen in engem Kontakt mit dem BBW.

 

Gute Vermittlungschancen

Unter diesen Bedingungen gelingt dann auch der Einstieg ins Berufsleben. So haben fast alle Fachinformatik-Absolventen des Sommers 2019 – die Hälfte davon Autisten – gleich nach ihrem Abschluss eine Beschäftigung gefunden, freut sich BBW-Ausbilder Uwe Weißenrieder. Sowieso sind IT-Berufe unter Autisten sehr beliebt. „Nicht jeder Mensch mit Autismus ist gleich“, betont Dr. Thelemann. „Aber es gibt natürlich ein paar Berufe, die vielen von der Struktur her besser liegen als andere.“ Dazu zählt zum Beispiel der Lagerbereich oder eben die Fachinformatik.

 

Auf Pausen achten

Autisten bewegen sich, ohne es rechtzeitig zu merken, oft an ihrer Belastungsgrenze und überschreiten diese – mit entsprechenden negativen Folgen für den Betroffenen und das Umfeld. Um dem vorzubeugen, sind regelmäßige Pausen wichtig. So haben Jan und seine Kollegen jeweils am Vor- und Nachmittag, zusätzlich zur Frühstücks- und Mittagspause, noch eine weitere Fünf-Minuten-Auszeit zur freien Verfügung. „Dann geht man zum Beispiel raus auf den Balkon, um den Kopf frei zu bekommen“, sagt Leander und kehrt anschließend wieder mit neuer Energie zurück an die Bildschirme. Vielleicht findet sich ja heute noch der fehlerhafte Code im Computerspiel – irgendwo zwischen Programmierzeile 550 und 650.

 

 

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