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Blumenstraße 1-17

von Prälat Michael H. F. Brock – Es gab eine Zeit, da ging ich liebend gerne in der Blumenstraße 1-17 spazieren. Sie ist keine wirkliche Straße, die Blumenstraße. Sie existiert nur in meiner Fantasie. Aber immer wieder kommen mir Bilder.

In der Blumenstraße 3 steht ein rotes Haus mit einem Garten voller roter Tulpen. Ein Mensch wohnt dort mit einem roten Schurz und einer roten Bank. Manchmal sitzt er einfach auf der roten Bank und genießt den Anblick seiner roten Tulpen. Manchmal gießt er seine Tulpen mit rotem Wasser. Hin und wieder pflückt er eine rote Tulpe und verschwindet in seinem roten Haus. Wahrscheinlich dekoriert er seinen roten Tisch mit seiner roten Tulpe. In der Blumenstraße 5 steht ein blaues Haus mit einem Garten voller blauen Rosen. Ein Mensch wohnt dort mit einem blauen Hut und einem blauen Stuhl. Manchmal sitzt er auf seinem blauen Stuhl und summt ein Lied. Er summt es leise, denn er will niemanden stören. Blumenstraße 7 ist wunderbar gelb. Blumenstraße 11 grün. Und 17 ist lilablassblau.

 

Ich kann mir keinen wirklichen Reim darauf machen. Aber eines Tages wurden die roten Tulpen weniger, die blauen Rosen ließen ihre Blütenblätter fallen, das Gelb schien nicht mehr wunderbar und 11 und 17 hatten ihre Farben verloren. Eines Tages war die Blumenstraße keine Blumenstraße mehr. Sie hieß nur noch so. Und selbst bei genauem Hinhören konnte ich das Summen eines Liedes nirgendwo mehr entdecken.

 

Das ließ mir keine Ruhe. Ich klingelte bei dem Menschen mit den einst so roten Tulpen. Ich habe mich satt gesehen an den roten Tulpen, sprach er. Immer nur Rot, Rot und wieder Rot. Rot war alles, was er kannte – rote Tulpen. Immer nur blaue Rosen, beschwerte sich sein Nachbar. Und immer das gleiche Lied. Ich verstehe! Der Mensch im gelben Haus konnte das Gelb nicht mehr sehen. Und Grün und Lilablassblau!

 

Eines Nachts schlich ich mich in die Blumenstraße. Ich nahm ein paar rote Tulpenzwiebeln und pflanzte sie in den Garten des blauen Hauses. Die blauen Rosen in den roten Garten. Vertauschte Gelb und Grün und mischte überall ein wenig Lilablassblau dazwischen. „Oh, woher das schöne Rot?“ hörte ich dann fragen. Und stolz und froh hörte ich ein: „Von mir natürlich.“ Und: „So schön – die blauen Rosen zwischen meinen roten Tulpen – wie reich geschmückt mein Garten auf einmal wirkt.“ Und Grün und Gelb stimmten mit Lilablassblau ein Lied an. „Nie könnte ich blaue Rosen züchten“, sagte der Mensch aus dem Tulpengarten. „Und Tulpen lassen bei mir immer die Köpfe hängen“, gestand der Rosenmensch. Und Gelb konnte nur Gelb und Grün nur Grün. Und Lilablassblau schämte sich immer für ihre unreine Farbe und bekannte leise: „Meine Farbe kommt nur in der Mischung zur Geltung.“

 

Und geteilt, fügte ich hinzu. Wie schön ist doch das Gefühl, mal eine rote Tulpe geschenkt zu bekommen. Meist bekommt man eine blaue Rose zurück. „Oder eine gelbe“, sagte der Mensch aus dem Garten mit den gelben Sonnenblumen, nahm seinen gelben Stuhl und setzte sich mit dem Menschen aus dem blauen Garten mit dem blauen Stuhl in den grünen Garten. Und Lieder höre ich seitdem. Immer wenn ich dort vorbeikomme, so schöne Lieder.

 

 

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