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Die Zukunft der Daseinsvorsorge: „Es geht eigentlich nur gemeinsam“

OBERTEURINGEN – Kommunen, freie soziale Träger und ehrenamtliche Bürger kümmern sich im Verbund mit staatlichen Leistungen gemeinsam um Themen wie Wohnen im Alter, Pflege und Inklusion. Wie kann diese Idee einer kooperativen Daseinsvorsorge nachhaltig in die Praxis umgesetzt werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich im süddeutschen Oberteuringen (Bodenseekreis) ein zweitägiger Fachkongress des Netzwerk: Soziales neu gestalten (SONG) e. V. – eine bundesweite Initiative mehrerer Akteure aus dem Sozialbereich, die sich für innovative Zukunftsmodelle vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels stark machen.

Im Gespräch über das soziale Quartier Oberteuringen: (v.l.) Moderatorin Tina Kraus, Dr. Berthold Broll, Vorstand Stiftung Liebenau, Bürgermeister Ralf Meßmer, Christine Beck, Geschäftsleitung Liebenau Teilhabe, Dr. Alexander Lahl, Geschäftführung Liebenau Lebenswert Alter.

Alexander Künzel, Vorsitzender des Netzwerk: Soziales Neu gestalten (SONG), begrüßte die Kongressteilnehmer in Oberteuringen.

„Gleichwertigkeit, nicht Gleichheit“: Matthias Berg sprach beim SONG-Kongress in Oberteuringen über das Thema Inklusion.

Bei geführten Rundgängen konnten die Kongressteilnehmer das Quartier in Oberteuringen erkunden.

Inklusion – eine Frage der Haltung

Nicht um Gleichheit, sondern um Gleichwertigkeit gehe es bei der Inklusion, so Matthias Berg, der Jurist, Musiker, erfolgreiche paralympische Sportler und Coach. In einem launigen Auftritt ging er der Frage nach, wie es heute um Inklusion steht. Es sprach von der Haltung: „Durch welche Brille schaue ich auf die Welt?“ Sprich: Habe ich eine defizitorientierte Sicht (Motto: „Eigentlich sind wir doch alle irgendwie behindert“) oder schaue ich nach den Ressourcen, Talenten und Möglichkeiten des Einzelnen („Eigentlich kann jeder etwas“).

 

„Es menschelt“

Bergs eigene Biografie – er kam in der Zeit des Contergan-Skandals mit körperlichen Behinderungen auf die Welt – bewegte sich zwischen Normalität und Ausgrenzung. Es gab Förderer, die ihn unterstützten, ebenso aber Personen, die ihm aufgrund seiner vermeintlichen Beeinträchtigungen Steine in den Weg legten. Seine Erfahrung: „Es ist ganz entscheidend, welchen Menschen Sie im Leben begegnen.“ Und darum ging es ja auch beim SONG-Kongress: Kommunikation und Kooperation, oder wie es Matthias Berg auf den Punkt brachte: „Es menschelt.“

 

Bei Inklusion auf die Willigen setzen

Und was ist nun mit der Inklusion? Weitermachen! Man müsse hier einfach auf „die Willigen“ setzen und auch noch das eine oder andere sprachliche Fettnäpfchen umgehen. Die offizielle Wortwahl sei durchaus wichtig. So schaffe man etwas nicht „trotz Behinderung“, sondern „mit Behinderung“. Ansonsten plädiert er aber dafür, im zwischenmenschlichen Alltag jegliche Berührungsängste einfach fallen zu lassen. Ob er von seinem Gegenüber als ein behinderter Mensch, ein Mensch mit Behinderungen oder einer mit Handicap bezeichnet werden will? Matthias Bergs lapidare Antwort: „Du kannst mich nennen, wie Du willst, Hauptsache du trinkst einen Kaffee mit mir!“

 

Leuchtturmprojekt in Oberteuringen

Oberteuringen war nicht zufällig Austragungsort für den SONG-Kongress. In der oberschwäbischen Gemeinde wurde in enger Zusammenarbeit der dortigen Kommune mit dem SONG-Netzwerkmitglied Stiftung Liebenau ein ganzes Wohnquartier im Zeichen einer inklusiven Gemeinde gestaltet – mit Wohn-, Pflege-, Betreuungs- und Freizeitangeboten für Jung und Alt, für Familien und Alleinstehende, für Menschen mit und ohne Behinderungen – heute ein von allen gelobtes „Leuchtturmprojekt“.

 

Impulse für Sozialmodelle der Zukunft

Bei Führungen, Workshops, Interviews und Diskussionen tauschten die Kongressteilnehmer praktische Erfahrungen aus, stellten Visionen vor und entwickelten Konzepte, wie Sozialmodelle der Zukunft in einem Bürger-Profi-Hilfe-Mix und mit inklusivem Charakter aussehen könnten. Impulse dazu lieferten zahlreiche Experten-Vorträge. Immer im Mittelpunkt: der Aspekt der Kooperation – zwischen Gemeinde, Institutionen, Vereinen, Kirchen, freien Wohlfahrtsträgern und Bürgern.

 

„Eine echte Dolmetscheraufgabe“

Und so griff Prof. Dr. Paul-Stefan Roß, Dekan Fachbereich Sozialwesen an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart, auch dieses „SONG-Prinzip“ auf, nach dem Daseinsvorsorge immer stärker im Mix aus ehrenamtlichen und professionellen Leistungen der verschiedensten Akteure erbracht werde. Die zentrale Erkenntnis der vergangenen Jahre: „Es geht eigentlich nur gemeinsam.“ Dabei bringe jedoch jeder Beteiligte seine Stärken und Schwächen und vor allem seine eigene Logik sowie spezifische Interessen mit ein. Diese gelte es auszubalancieren, zu moderieren. „Das ist eine echte Dolmetscheraufgabe.“

 

Entschieden wird in Netzwerken

Aber wer führt bei solchen Projekten Regie, wenn die Steuerung – die „Governance“ – immer weniger allein durch den Staat erfolgt? Entschieden – so Prof. Dr. Roß – werde verstärkt in Netzwerken, am „runden Tisch“. So, wie das auch im Falle Oberteuringens geschehen sei. Dazu – so betonten auch alle anderen Redner beim Fachkongress – gehöre insbesondere auch die frühzeitige Einbindung der Bürgerschaft.

 

Es braucht engagierte Menschen vor Ort

Was es für gelingende kooperative Konzepte braucht, wurde klar: Dass dafür die entsprechenden politischen und finanziellen Rahmenbedingungen von Bund und Ländern geschaffen werden sollten zum Beispiel. Dass geeignete Partner zueinander finden müssen. Und dass es eben vor Ort immer Menschen braucht, die solche Gemeinschaftsprojekte mit Begeisterung und Überzeugung vorantreiben. Aber auch: Dass ohne „rührige Bürgermeister“ und andere innovative Köpfe die Gefahr besteht, dass Projekte versanden. 

 

Grenzen in der Netzwerkarbeit

„Bürgerschaftliches Engagement muss gehegt und gepflegt werden“, meinte deshalb Michael Löher, Vorstand Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge. Er verwies auch auf mögliche Stolpersteine bei der Netzwerkarbeit, auf Widersprüche und Grenzen – gerade bei dem Anspruch auf Augenhöhe aller Partner. Denn an einem bestimmten Punkt liege die Federführung eben bei den Kommunen. „Schnittstellenproblematik“ sah er auch in der Zusammenarbeit mit Behörden und politischen Stellen. Was man also benötigt? „Verbündete, Mehrheiten, Geld und Geduld.“ Und hauptamtliche Unterstützung für die Ehrenamtlichen vor Ort.

 

 

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