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Digitalisierung in der Stiftung Liebenau

MECKENBEUREN-LIEBENAU – Die Digitalisierung erreicht immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Sie verlangt Flexibilität und Bereitschaft zur schnellen Veränderung – auch in der Sozialwirtschaft. Wie die Stiftung Liebenau den Wandel gestaltet, in welchen Bereichen sie Innovation vorantreibt und was die Corona-Pandemie dazu beigetragen hat, weiß Martin Engelbrecht, IT-Stratege der Stiftung Liebenau.

Martin Engelbrecht, IT-Stratege der Stiftung Liebenau.

Die Organisation wird sich ändern

Martin Engelbrecht ist der neue Mann für die Digitalisierung in der Stiftung Liebenau. Seit Jahresbeginn in der Leitung der Zentralen IT der Stiftung Liebenau, hat er darüber hinaus den Auftrag, die Stiftung insgesamt für die digitalen Herausforderungen der Zukunft weiterzuentwickeln. Wer erwartet, dass Engelbrecht jetzt eine lange Liste von Digitalisierungsprojekten vorlegt, wird schnell eines Besseren belehrt. Den Diplomkaufmann beschäftigt vor allem, wie die Digitalisierung die Gesellschaft verändert, wie sich Erwartungen und Haltungen verändern. Denn erst daraus, so erläutert er, könne man die konkreten Aufgabenstellungen an die Organisation ableiten.

 

Neue Kommunikationsformen

Ein zentrales Thema in diesem Zusammenhang ist für ihn die Veränderung der Kommunikation. Dass sich Kommunikationsmittel und -gewohnheiten ändern, ist zunächst eine banale Feststellung. Längst ersetzen Smartphone und Messengerdienste den Briefverkehr, die Telefonate, den Tischkalender, die Kamera ... Und der Arbeitsplatzrechner weicht oft den mobilen Endgeräten. Damit verändern sich aber auch unsere Kriterien für die Qualität der Kommunikation. „Erwartet wird heute vor allem mal Geschwindigkeit. Schnell zu antworten, wird wichtiger, als wohlüberlegt und gründlich recherchiert zu antworten“, so Engelbrechts Analyse. Hinzu kommt, dass das Internet den Zugang zu Wissen einfacher macht und mehr Dialog ermöglicht. Was Mitarbeitende im Privaten erleben, erwarten sie zunehmend auch im beruflichen Umfeld. „Sind wir in der Stiftung dafür aufgestellt?“, fragt Engelbrecht, und man sieht ihm die Zweifel an.

 

"Agiles Projektmanagement"

Ein tiefgreifender Veränderungsprozess also. Um den zu gestalten, braucht es die richtige Haltung, aber auch das Know-how und das Engagement der Mitarbeitenden. Wie die Beteiligten in den Weg in die digitale Welt eingebunden werden können, erläutert Engelbrecht an einem Beispiel. Es geht um die Einführung einer Mitarbeiter-App, eine völlig neue Form der Unternehmenskommunikation also. „Solche Projekte hätten wir früher nach dem Wasserfall-Prinzip gestaltet: Experten machen einen Plan, legen die Anforderungen fest, machen entsprechende Ausschreibungen und schließlich ist das Produkt da und wird auf alle ausgerollt. Und bis dahin existierte es nur in der Vorstellung einzelner.“ Im so genannten „agilen Projektmanagement“ wird anders vorgegangen. „Wir gehen schrittweise vor, fangen mit einer Beta-Version an, die wir mit einigen Testnutzern ausprobieren. Deren Erfahrungen fließen dann in die nächste Teststufe ein, die Nutzergruppe wird stufenweise erweitert und erst, wenn diese Anwender-Erfahrungen eingearbeitet sind, wird die App breit ausgerollt.“ Was auch eine interkulturelle Dimension einschließt, angesichts der Standorte der Stiftung in Bulgarien, Italien und der Slowakei.

 

Plattform-Ökonomie

Veränderungsbedarf sieht Engelbrecht auf noch einer Ebene. Das Stichwort heißt „Plattform-Ökonomie“. „Wir kommen vom Wettbewerbsdenken einer mittelständischen Wirtschaft, mit kleinen und großen Anbietern, hoch- und niedrigpreisigen Angeboten“, erläutert er. In der IT-Wirtschaft gehe es radikal anders zu. Digitale Plattformen breiten sich aus, schaffen neue globale Netzwerke und sammeln große Datenmengen. Facebook, Google, AirBnB: Je größer ein Netzwerk ist, desto wertvoller ist es. Und desto schwerer ist es für andere, in diesen Markt einzutreten. Wettbewerb wird damit zunehmend ausgelöscht. „In der IT-Wirtschaft gilt: The winner takes it all!“, so Engelbrecht. Ein krasser Widerspruch zur Stiftungskultur, die auf Individualität, Dezentralität und Vielfalt setzt. „Diese Vielfalt und Dezentralität halte ich auch für sehr wertvoll. Sie stärkt Unabhängigkeit und Eigenverantwortung, das hat sich übrigens in der Corona-Pandemie auch sehr bewährt.“ Trotzdem entsteht ein Spannungsfeld. „Wollen wir maßgeschneiderte individuelle Anwendungen? Die kosten viel Geld – zumal Unternehmen wie die Stiftung Liebenau mit unseren Anwenderzahlen für die Großen in der IT-Wirtschaft ohnehin nur ein kleiner Fisch sind. Oder übernehmen wir die Logiken der Marktführer? Das kostet weniger, macht aber abhängig. Ein schwieriger Abwägungsprozess.

 

Projekte mit Priorität

Ist angesichts so gravierender Grundsatzfragen die technische Ausstattung also völlig nachrangig? „Natürlich nicht“, sagt Engelbrecht. Und dann kommt sie doch noch, die Projektliste. Obenan steht der WLAN-Ausbau im Stiftungsland, dann gilt es die Pflegedokumentation zu digitalisieren und das Dokumentenmanagement. Nicht sonderlich originell, aber keineswegs trivial. Schließlich geht nicht nur um die Einführung neuer Software, sondern wieder um die Einbindung aller Beteiligten in die Arbeitsprozesse.

 

Was Engelbrecht Mut macht, ist die Innovationsbereitschaft, die er in der Stiftung Liebenau feststellt. „Der Pflegeroboter Pepper, die Pflegeplattform mitunsleben.de, das sind Beispiele dafür, dass wir durchaus bereit sind, Neuland zu betreten und dafür auch entsprechend zu investieren.“ Umso wichtiger für den Fachmann ist es, solche Innovationen richtig zu machen. „Ein bisschen digital geht nicht, der Investbedarf ist hoch.“ Denn in der Digitalisierung stecken nicht nur Hardware-Kosten, sondern zum Beispiel auch Kosten für Leitungen, Installationen, Betreuung.“ Bisher geben die Pflegesätze dafür nicht viel her.

 

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf die Digitalisierung ausgewirkt?

„Wir haben schon einen enormen Schub erlebt. So schnell wie MS Teams (ein Programm für Videokonferenzen, d. Red.) haben wir in der Stiftung noch nie ein Projekt eingeführt“, sagt Engelbrecht schmunzelnd. Jetzt gelte es, die Erfahrungen auszuwerten und die neue Kommunikationsform dauerhaft zu integrieren. Für die Dezentralität der Stiftung sei das definitiv ein Plus – Besprechungen würden effektiver, Reisekosten niedriger. „Aber nicht alles lässt sich darüber abbilden. Gemeinsame dynamische Entwicklungen sind über Videokonferenzen eher nicht möglich.“

 

 

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Pressekontakt:
Stiftung Liebenau
Abteilung Kommunikation und Marketing
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