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Ein liebevolles Weihnachtsfest euch allen

von Prälat Michael H. F. Brock – Wir können unseren Kindern unser Leben nicht verheimlichen. Sie bekommen es unmittelbar mit. Vom ersten Tage an erleben sie uns. Die Art, wie wir sie in den Arm nehmen. Unsicher, zärtlich, behütend, distanziert, unerfahren, liebkosend. Jedes Gefühl geht unmittelbar über in ihr Leben. Sie erspüren uns. Kinder sind sehr sensibel. Sie vertrauen uns unbedingt und schreien es aus sich heraus, wenn sie sich unwohl fühlen oder hungrig. Einsamkeit verspüren sie und Geborgenheit. Und keiner von uns kann sich verstellen. Wir sind, wie wir sind. Auch zu unseren Kindern. Die ganze Schöpfung ist darauf aus gerichtet, dass das Leben weitergetragen wird. Von einer Generation zur anderen.

 

Und wieder steht ein Generationswechsel an. Im kommenden Jahr werde ich sechzig Jahre alt und spüre, dass bald die Kinder die Verantwortung von uns übernehmen werden. Und das ist gut so. Es entlastet. Und doch brauchen sie uns noch. Vielleicht nicht mehr so unmittelbar wie früher. Aber hin und wieder fragen sie noch nach Rat. P zum Beispiel. Er fragt, wie man spürt, dass man verliebt ist. Und wir reden lange darüber. Vor allem über den Unterschied zwischen dem Verliebtsein und der Liebe. Verliebtsein ist, wenn die Seele zu fliegen beginnt. Sehnsucht spürt sie und Nähe erlebt sie. Vereinigung kennt sie und Augenblicke tiefen Glücks. Verliebte Jungs wollen Dinge ausprobieren. Wenn sie anfangen, Möbel zu bauen, und die zweite Bettdecke wichtig wird, dann sind sie auf dem richtigen Weg. Wenn sie dann noch beginnen, darüber nachzudenken, wie es wohl wäre, den Partner nicht mehr zu tauschen, dann sind sie auf dem Weg zur Liebe. Freilich ein weiter Weg. Kann ich mich selbst annehmen, so wie ich bin? Nicht perfekt, aber ein netter Kerl. Kann ich sagen, dass ich auch die dunklen Seiten an mir liebe? Auch die Vergangenheit und die Wutanfälle von einst. Kann ich sagen, dass das alles zu mir gehört? Dann bin ich auch bereit, zu einem Menschen zu sagen, auch du darfst so sein, wie du bist, und lass es uns zusammen sein und werden. Ja, lass uns werden.

 

H hat eben erst erfahren, wie schrecklich ein Mensch mit einem Menschen umgehen kann. Am eigenen Leib hat sie erfahren, wie es ist, ausgetauscht zu werden und der Heimat beraubt. Sie hat lange gebraucht, um sich einem Menschen anzuvertrauen. Und jetzt, da sie ganz und gar dazu bereit ist, wurde sie verlassen. Verlassen und ausgestoßen. Verstoßen. Das wohl Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann und widerfährt. Jeden Tag erlebe ich, wie Menschen verstoßen werden. Sie verlieren ihre Heimat, dann ihre Zukunft. Wer jetzt aufgibt, dem wird das Leben genommen, oder es kommt einfach abhanden.

 

R hat ein Kind. Es ist noch nicht getauft. F ist noch keine zehn Jahre alt. F möchte getauft werden. Natürlich. Es steht die Erstkommunion an, und ich respektiere den Wunsch eines kleinen Menschenwesens, dass es dazugehören möchte zur Feier der Gemeinschaft. Ich werde ihm sagen, dass er jetzt mit der Taufe zu einer sehr unvollkommenen Gemeinschaft von Gläubigen gehört und zu einer Kirche, die nicht mehr so recht weiß, zu was sie nütze ist. Aber ich werde ihn ermutigen, Jesus zu folgen. Weil es so wunderbar ist, einem Menschen zu folgen, der eine Idee vom Menschsein hatte. Er sah in den Himmel und dort, wo alle Gericht glaubten, sah er Freiheit und Willkommen. Wo immer Menschen sich vor Gott fürchteten, wollte er vertrauen. Vertrauen, dass sein Leben angenommen sei, noch vor dem ersten Tag seiner Geburt. Er sah den Menschen an. Jeden einzelnen, und hielt jeden Menschen für würdig, dass wir vor dem Leben stehen bleiben, um es zu berühren. Ja, gerade an den blinden Flecken. Ja, gerade da, wo wir kein Wort mehr zu sprechen in der Lage sind, wollte er uns neue Lieder singen. Den Aussätzigen reichte er die Hand und den Tauben flüsterte er ins Ohr: Öffne dich. Deinen Geist, deine Seele, deine Ohren und höre und spüre deine Freiheit, die keiner dir nehmen darf. Ja, F, folge dem Mann Jesus, der den Mund auftat und die Händler aus dem Heiligtum herausherrschte. Folge dem, den die Priester ans Kreuz schlugen und fremde Menschen dazu benutzten und das Gesetz. Folge dem, der noch in der Lage war zu weinen über die Heilige Stadt Jerusalem. Weil er die Menschen liebte, liebte er sie bis an sein Ende.

 

Ich habe mein halbes Leben damit verbracht, für mich herauszufinden, was wirklich wichtig ist in diesem Leben. Für mich kann ich es sagen. Ich möchte nicht mehr glauben müssen. Ich möchte vertrauen. Menschen und auch Gott. Und ich möchte auch dann vertrauen, wenn mir das Leben ins Gesicht schlägt. H, du darfst meine Hand nehmen und Heimat finden. Ja, Heimat darf keinem Menschen genommen werden. Und wenn es geschieht, dann müssen wir einander berühren. Zart, einfühlsam. Heimat entsteht ja nur im gelebten Vertrauen. Ich möchte menschlich werden und bleiben. Verletzlich und angreifbar. Und Stückwerk. Ja, das gehört zur Menschlichkeit dazu. Zu wissen, dass ich nicht alles kann und richtig mache. Aber um wieviel mehr freue ich mich über jeden geglückten Augenblick, über jede erfahrene Sekunde Geborgenheit, über so viel vertrauende Nähe. Und die vielen Wunder. Das Wunder der Geburt Jesu feiern wir heute. Dass Menschen auf ihn aufgepasst haben. Ihn genährt haben und teilhaben ließen an ihrem Leben, bis er selbst seines suchte und es fand in seinem Glauben an die Freiheit und das Heilwerden der Menschen. Und dass ein jeder Mensch ein Recht auf Heimat hat. Auch H. Und ein Recht auf Liebe. Für P und E und uns alle. Und dass F, wenn er erwachsen sein wird, sich nicht darüber ärgert, dass ich ihn getauft habe.

 

Ein liebevolles Weihnachtsfest euch allen.

 

Irgendwie auch beruhigend, dass die nächste Generation der Meinung ist, sie würde vieles besser und anders machen, als wir es getan haben. Denn irgendwie seien wir ja doch ein wenig normal geworden. Oder eben alt. Aber mit einem Lächeln vorgetragen. So dachten wir damals auch, als wir jung waren. Wir wollten alles anders machen, besser und irgendwie liebenswerter und spannender. Ein Leben voller Abenteuer und der Suche nach der wahren Liebe. P hat mich einmal gefragt, ob ich sie gefunden habe, die wahre Liebe. Und ich sagte ihm, dass ich sie bis heute jeden Tag ein wenig finde. Da reicht mir jemand die Hand, begleitet mich ein wenig. Manchmal ist sie ein Ausruhen, die Liebe, manchmal ein Durchatmen. Manchmal ist sie ein Lächeln, manchmal ein Aushalten. Manchmal ist sie ein Getragenwerden und manchmal ein Traum, der mich vorwärts treibt. Manchmal ist sie zart und öffnet mir die Augen, den Mund, die Ohren und mein Herz für das Leben, wie es ist. Sie ist Freiheit und Gefangenschaft. Sie ist Heimat und Verlust. Sie ist meine Kraft zum Leben und sie ist, was alles zusammenhält.

Autor und Sprecher: Prälat Michael H. F. Brock
Quelle: Weihnachtsgruß 2020

 

 

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