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Einfach loslassen 

RAVENSBURG – Bogenschießen ist Training für Körper, Seele und Geist. Schuss um Schuss stärken Jugendliche im Ravensburger Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) im Umgang mit Pfeil und Bogen Selbstvertrauen und Körperbewusstsein. Einer, der mit ihnen zusammen auf Robin Hoods Spuren wandelt, statt Raubzüge aber die Förderung der Teilnehmenden im Sinn hat: Dietrich Bross, Mitarbeiter des Fachdienstes Diagnostik und Entwicklung. Und das alles beginnt immer mit einem festen Ritual.

Volle Konzentration, zur Ruhe kommen, loslassen – darum geht es beim Therapeutischen Bogenschießen.

„Ich entspanne mich, spüre, dass ich im Hier und Jetzt bin. Und ich horche ein bisschen in mich hinein.“

Dietrich Bross schließt die Augen und hält inne. Seine Hände sind auf der Brust verschränkt und umfassen den Bogen, dessen unteres Ende er auf die linke Fußspitze gestellt hat. In dieser Position harrt er aus. Zwei, drei Minuten lang. „Ich entspanne mich, spüre, dass ich im Hier und Jetzt bin. Und ich horche ein bisschen in mich hinein.“ Nach einer Weile öffnen sich dann die Augen fast von allein wieder. Der Körper gibt das Signal: Ich bin bereit, es kann losgehen!

 

Mit diesem meditativen Ritual startet Dietrich Bross jedes Mal, wenn er gemeinsam mit Schülern und Azubis des BBW zu Pfeil und Bogen greift. In der Bildungseinrichtung wird das Bogenschießen seit Jahren als therapeutisches Instrument eingesetzt. Geschossen wird ohne Hilfsmittel, allein nach Gefühl und Intuition. Das Timing, die gespannte Sehne loszulassen, soll aus dem Bauch heraus kommen. Dieses „intuitive Bogenschießen“ gilt als die ursprünglichste und älteste Art des Bogenschießens. Gingen Menschen einst so auf die Jagd nach Nahrung, verfolgt man heute in der Therapie ganz andere Ziele. Die Jugendlichen, nicht zuletzt auch jene mit ADHS, können zur Ruhe kommen und für einen Moment alles andere um sich herum ausblenden – und auch im übertragenen Sinne durch das Lösen der gespannten Sehne: loslassen. Und zwar ganz ohne Leistungsdruck. Das stärkt die Koordinations- und Konzentrationsfähigkeit und sorgt für ein intensives Erleben des eigenen Körpers. Auch das Sozialverhalten wird trainiert, und mit jedem Pfeil steigt das Selbstwertgefühl.

 

Steckenpferd Bogenschießen

Dietrich Bross hat das Bogenschießen schon vor 18 Jahren für sich entdeckt, es nicht nur privat ausgeübt, sondern auch immer wieder in seinem Job als Arbeitserzieher – zunächst noch als erlebnispädagogisches Element – eingesetzt. Später machte er dann eine Zusatzausbildung im Therapeutischen Bogenschießen. Vor sieben Jahren kam er ins BBW, zunächst in die WfbM-Gruppe des Schreinerzentrums, später bot er Coolness- und Antiaggressivitätstrainings an, seit mehr als drei Jahren ist er ganz beim hauseigenen Fachdienst Diagnostik und Entwicklung. Dort macht er hauptsächlich Einzelcoaching und unterstützt damit – als Bindeglied zur Ausbildung – die jungen Menschen mit besonderem Teilhabebedarf auf dem Weg in den Beruf. Und eines seiner Steckenpferde ist eben das Bogenschießen, das er zusammen mit weiteren Kollegen regelmäßig für Teilnehmende aus Ausbildung und Berufsvorbereitung anbietet. Ob der Bewegungsablauf beim Bogenschießen an sich tatsächlich ein Ritual ist, da scheiden sich die Geister, wie Bross berichtet. „Aber das Davor und Danach kann man als ritualisierte Handlung bezeichnen.“ So auch das Abspannen der Sehne vom Bogen, das zum Abschluss des Bogenschießens von Dietrich Bross und seinen Jugendlichen ebenso zelebriert wird wie der Beginn.

 

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