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„Hilfe – Gewalt“: Fachtag sucht nach Ursachen und Lösungen

RAVENSBURG – Gewalt in der Begleitung von Menschen mit Behinderung oder psychischen Einschränkungen stellt für viele Klienten, Angehörige und Mitarbeitende eine tägliche Herausforderung dar – oftmals bis an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Mit der Stiftung Liebenau und den Zieglerschen haben sich zwei große Träger aus dem Bodenseeraum ihrer ethischen Verantwortung gestellt und gemeinsam bei der Fachtagung „Hilfe – Gewalt“ nach aktuellen fachlichen Antworten gesucht.

Experten wie Dr. Jan Glasenapp aus Schwäbisch Gmünd sprachen beim gemeinsamen Fachtag der Stiftung Liebenau und der Zieglerschen über Erfahrungen und Konzepte zum Umgang mit herausforderndem Verhalten.

„Individuelle Gewalt wird immer auch bedingt durch strukturelle Gewalt und Gegebenheiten“: Dr. Marc Allroggen von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm.

Gewalt hat viele Facetten

Gewalt hat auch hier viele Formen: Zum einen erfahren Menschen mit Behinderung Gewalt – sei es durch ihr persönliches Umfeld oder struktureller Art. Zum anderen werden aber auch die Betreuer im Berufsalltag Opfer von Aggressionen. Wie hoch der Informations- und Gesprächsbedarf ist, das zeigte allein schon das große Interesse an der zweitägigen Fachveranstaltung, zu der 250 Teilnehmer in das Berufsbildungswerk Adolf Aich nach Ravensburg kamen. Dabei widmeten sich die zahlreichen Vorträge, Impulsreferate, Diskussionen und Workshops einem Thema, „das ja nicht gerade mit Leichtigkeit verbunden ist“, so Christine Beck, Geschäftsleitung Liebenau Teilhabe.

 

Sich der Verantwortung stellen

Umso wichtiger sei es, sich mit möglichen Ursachen auseinanderzusetzen, sich dabei Tätern und Opfern zugleich zu widmen, wirksame Präventionsstrategien zu entwickeln und eine „Kultur der Kommunikation“ zu etablieren. „Die Träger sind gefordert“, sagte Beck und freute sich, dass sich mit der Stiftung Liebenau und den Zieglerschen zwei bedeutende Akteure mit dieser Problematik aktiv auseinandersetzen – und zu ihrem Fachtag namhafte Experten eingeladen hatten.

 

Spannungsfeld: Sicherheit und Freiheit

Etwa Dr. Jan Glasenapp, Psychologischer Psychotherapeut aus Schwäbisch Gmünd. Gewalt sei eine Interaktionsform, um die eigenen Ziele zu erreichen, unter Inkaufnahme physischer oder psychischer Verletzungen anderer – wobei der strukturelle Rahmen gewaltfördernd oder -mindernd wirke. „Es gibt keine Gewaltfreiheit an sich“, so Glasenapp, sondern eine „Praxis der Gewaltfreiheit“ und deren Einübung. Gewalt sei nicht selten ein Mittel, Aufmerksamkeit zu erreichen, Kontrolle und Selbstbestimmung durchzusetzen und den Selbstwert zu erhöhen. So hätten es Bewohner einer Wohngruppe relativ schwer, sich von anderen abzuheben. Gewalt könne eine Reaktion sein, sich mächtiger oder größer zu fühlen.

 

„Reflektieren, reflektieren, reflektieren“

Um Gewalt entgegenzutreten, müsse man sie verstehen – in Bezug auf die Geschichte ebenso wie auf die Beziehungen und die Grundbedürfnisse Sicherheit und Freiheit. Auch der Kontext müsse berücksichtigt werden: Gesetze, Ausstattung, Arbeitsbedingungen, Öffentlichkeit sowie Leitung, Team und Angehörige. „Reflektieren, reflektieren, reflektieren“, lautet der Rat des Experten an Mitarbeiter und Leitungen von Einrichtungen.

 

Viele Faktoren für Aggression

Dr. Marc Allroggen vom Universitätsklinikum Ulm näherte sich dem Thema aus entwicklungspsychologischer Perspektive. So sei Aggression „ein komplexes Zusammenspiel von individuellen, situativen und gesellschaftlichen Faktoren“. Und ja: Es gebe einen Zusammenhang zwischen eigenen Gewalterfahrungen und eigenem aggressivem Verhalten. Zudem könne Gewalt auch „als Ausdruck eines Entwicklungsprozesses verstanden werden“. Das zeige sich dann zum Beispiel in Situationen, in denen man sich beleidigt fühle. „Auf gut Deutsch: Wie leicht bin ich reizbar?“ Stichwort: Impulskontrolle. „Individuelle Gewalt wird immer auch bedingt durch strukturelle Gewalt und Gegebenheiten“, wie Allroggen ebenfalls betonte und deshalb forderte: „Die Prävention muss auch auf gesellschaftlicher und institutioneller Ebene ansetzen.“

 

„Das habe ich fast nicht ausgehalten“

Ideen für mögliche Techniken, Strategien und Methoden im konkreten Umgang mit Gewalt gaben mehrere Workshops und Impulsreferate den Fachtag-Teilnehmenden an die Hand. Denn dass das Erleben von Gewalt und Aggressionen in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen zum Alltag gehört, das zeigte sich in einem Gespräch mit Mitarbeitern. Diese berichteten von massiven Selbstverletzungen bei Bewohnern („Das habe ich fast nicht ausgehalten“) und auch Angriffen auf die eigene Person („Ich wurde auch schon ins Gesicht geschlagen“). Wut, Ohnmacht und Angst lösen solche Situationen bei den Fachkräften aus. Wie damit umgehen? Reden – mit den Freunden, der Familie, vor allem aber mit den Kollegen. Und es helfe natürlich herauszufinden, „warum der Mensch so handelt“.

 

Interviews mit Bewohnern

Warum – das hatte der Diplompsychologe und Psychologische Psychotherapeut Stefan Meir von der Stiftung Liebenau die betreuten Menschen vor der Kamera selbst gefragt und aufgezeichnet. Wann wirst du gewalttätig? „Wenn man mich wütend macht.“ Oder: „Wenn ich Alkohol getrunken habe.“ Was kann dir helfen? „Mit mir reden“, hieß es da. „Umarmungen und Zuwendung“, lautete eine andere Antwort. Oder auch einfach: „Mich in Ruhe lassen.“

 

„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“

Prof. Dr. Erik Weber von der Evangelischen Hochschule Darmstadt warf in seinem Vortrag zunächst einen Blick auf das soziale Klima im Land und sprach dabei von einer „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, die auch Menschen mit Behinderung betreffe. Und das „Exklusionsrisiko Behinderung“, das trotz aller gut gemeinter Inklusionsbemühungen vorhanden sei, werfe die provokante Frage auf: „Ist Gewalt der verborgene Kern von Behinderung?“ Deshalb sei es wichtig, die Diskussion in die Einrichtungen und Dienste zu tragen. Und – so war sich Weber sicher: „Wir werden auch in 20 Jahren noch über dieses Thema reden.“

 

 

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