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(K)ein besonderes Bedürfnis? Menschen mit Behinderung und Sexualität

RAVENSBURG – Ist Sexualität von Menschen mit Behinderung ein besonderes Bedürfnis oder nicht? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine zweitägige Fachtagung der Stiftung Liebenau im „Bärengarten“.

Die Theatergruppe „Die Außergewöhnlichen“ waren ein besonderer Höhepunkt des Fachtags mit ihrem Stück „Liebe – und alles, was da so dazugehört“.

„Körper und Sexualität sind Geschenke Gottes“: Prälat Michael H. F. Brock, Vorstand Stiftung Liebenau.

„Wir sind alle sexuelle Wesen“: Nina de Vries – eine Pionierin in Sachen Sexualassistenz.

„Vor 30 Jahren hätte keiner einen solchen Fachtag veranstaltet“: Prof. Dr. Erik Weber, Evangelische Hochschule Darmstadt.

Gerburg Corne, Stabsstelle Schutz vor sexuellem Missbrauch, Diözesancaritasverband Rottenburg-Stuttgart.

Humorvoll und zugespitzt zeigten die neun Schauspieler aus Rosenharz unter Leitung von Holger Niegel, welche Barrieren Menschen mit Behinderung gesetzt sind, wenn es um Beziehung, Sexualität oder Kinderwunsch geht.

Zur Tagungsdokumentation

 

 

„Sexualität und Behinderung – dieses Thema war noch bis Mitte der 1970er-Jahre ein Tabu“, so Christine Beck von der Geschäftsleitung der Liebenau Teilhabe. Heute sei klar: „Menschen mit Behinderung haben wie alle Menschen auch das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, und das schließt die Sexualität mit ein.“ Bereits vor Jahren habe sich die Stiftung Liebenau „mutig und offen“ dieser Diskussion gestellt und sei heute ein Träger, „der sich sehr liberal und sehr fortschrittlich“ diesem Thema nähere.

 

Christliches Ja zur Körperlichkeit

Dass das zur kirchlich-katholischen Grundlage passt, zeigte Prälat Michael H. F. Brock, Vorstand der Stiftung Liebenau, auf. Wie kam es überhaupt dazu, dass Kirche und Sexualität so lange als unversöhnlich galten? „Aus biblisch-theologischer Sicht ist jeder Mensch Gottes gute Schöpfung, und dazu gehört der Körper und mithin die Sexualität genauso wie der Geist und die Seele“, so Prälat Brock. „Auch bei Jesus finden wir ein eindeutiges Ja zur Körperlichkeit.“ Erst im Laufe der Jahrhunderte sei diese urchristliche Auffassung von einer Leibesfeindlichkeit verdrängt worden, die leider bis heute nachwirke. Dabei müsse man gemäß der jesuanischen Tradition Körper und Sexualität als Geschenke Gottes begreifen. Das gelte ausdrücklich auch für Menschen mit Behinderung.

 

Sexualassistenz als Option

Doch was tun, wenn Menschen bei der Ausübung ihrer sexuellen Bedürfnisse aufgrund ihres Handicaps entscheidend eingeschränkt sind? Eine Option ist die Inanspruchnahme einer bezahlten Sexualbegleitung. Diese kann vieles umfassen: von der Beratung und Anleitung zur Selbstbefriedigung über erotische Massagen, Kuscheln und zärtliche Berührungen bis hin zum Geschlechtsverkehr. Letzteren bietet die gebürtige Niederländerin Nina de Vries nicht an, gilt aber als absolute Pionierin in Sachen Sexualassistenz. Dabei gehe es insbesondere um Ganzheitlichkeit und eine bewusste Begegnung, nicht um eine sexuelle Handlung an sich.

 

Menschen mit Behinderung als Eltern

Raus aus der Tabuzone: das gilt auch für ein weiteres, lange unterdrücktes Thema: der Kinderwunsch von Menschen mit einer Behinderung. „Vor 30 Jahren hätte keiner einen solchen Fachtag veranstaltet geschweige denn über Begleitete Elternschaft nachgedacht“, so Prof. Dr. Erik Weber von der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Bei einer Begleiteten Elternschaft, wie sie auch die Stiftung Liebenau anbietet, erhalten Eltern mit Behinderung die nötige professionelle Unterstützung, um mit ihren Kindern zusammenleben zu können. Oft werden diesen Menschen elterliche Kompetenzen von vorne herein abgesprochen. Doch auch hier habe die UN-Behindertenrechtskonvention „einen klaren Auftrag formuliert“, wie Prof. Dr. Weber erläuterte. So werde hier das Recht auf die Gründung einer Familie, das Recht auf Information und Aufklärung in Sachen Familienplanung sowie der Erhalt der Fruchtbarkeit eingefordert.

 

Schwerpunkt: Sexuelle Gewalt

Einen Schwerpunkt des Fachtages bildete auch das Thema sexuelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderung. Prof. Dr. Ulrike Mattke von der Hochschule Hannover sprach über die besonderen Risikofaktoren von sexueller Gewalt, zu denen Behinderung, schädigende Kindheitserfahrungen, Lebensbedingungen in stationären Einrichtungen, geringe berufliche, ökonomische und soziale Ressourcen gehören. Auch wenn das Thema sexueller Missbrauch belastend sei, dürfe es weder bagatellisiert, überdramatisiert noch geleugnet werden. Ein sachlicher Umgang sei gefragt.

Frauen mit Behinderung etwa sind aufgrund mehrerer Faktoren einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Eine Vergleichsstudie von 2004 zeigt, dass sie im Vergleich zum weiblichen Bevölkerungsdurchschnitt zwei bis drei Mal häufiger von sexuellem Missbrauch betroffen sind. Eine gewisse Abhängigkeit und ein oft gering ausgebildetes Selbstwertgefühl sowie mangelnde Wehrhaftigkeit dieser Personengruppe erleichtern den Tätern oder Täterinnen den Missbrauch.

 

Prävention geht alle an

Persönliche soziale Ressourcen in Form von vertrauensvollen Beziehungen innerhalb einer Einrichtung wiederum bieten einen gewissen Schutz vor Missbrauch. Stärkend wirken Sicherheit, Selbstwirksamkeit, Bildung und Respekt. Auf struktureller Ebene sind Handlungsmöglichkeiten bereits bei der Mitarbeiterauswahl angebracht. Mitarbeiterfortbildungen, Angehörigenarbeit, ein Verhaltenskodex und Meldeverfahren sind weitere Maßnahmen, ebenso wie die Erreichbarkeit einer neutralen Vertrauensperson.

 

Die Stabsstelle Schutz vor sexuellem Missbrauch des Diözesancaritasverbandes Rottenburg-Stuttgart wurde vor fünf Jahren geschaffen, als Konsequenz des sexuellen institutionellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche. „Wie kriegen wir gute Sexualität beziehungsweise die Erziehung dazu hin? Wie werden Menschen vorbereitet, sexuelle Beziehungen zu leben?“ formulierte Gerburg Crone, die Verantwortliche, den Hintergrund. Zur Verhinderung von sexuellem Missbrauch vor allem gegenüber Minderjährigen, erwachsenen Schutzbefohlenen und Rat- und Hilfesuchenden liefern die überarbeiteten Leitlinien von 2016 des Caritasverbandes die Grundlage für seine kooperativen Mitglieder. „Prävention geht uns alle an. Dafür ist keine Anstrengung zu groß“, lautete der Aufruf von Crone.

 

 

Zur Tagungsdokumentation

 

 

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Vera Ruppert, Pressearbeit
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