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"Nur EIN Schluck": Pflegefamilien informieren über Alkohol während der Schwangerschaft

RAVENSBURG – Der Verein FASD Deutschland startet eine bundesweite Mitmachaktion „Apotheke“, bei welcher Apotheken vor Ort dazu motiviert werden, den Flyer „Nur EIN Schluck“ beim Verkauf von Schwangerschaftstests auszuhändigen, um so über die Gefahren des Alkoholkonsums in der Schwangerschaft aufzuklären. FASD steht für Fetale Alkoholspektrumstörungen. Bisher wurden 350 Exemplare dieses Flyers in Apotheken im Landkreis Ravensburg und im Bodenseekreis durch Pflegeeltern und Fachkräfte der Stiftung Liebenau verteilt.

Michael Reiser (rechts) übergibt Werner Poschenrieder, Inhaber der Allgäu-Apotheke in Vogt, die Flyer „Nur EIN Schluck“, die dort an die Kundinnen verteilt werden.

Mütterlicher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist eine häufige Ursache für angeborene Fehlbildungen, geistige Behinderungen, hirnorganische Beeinträchtigungen, Entwicklungsstörungen und extreme Verhaltensauffälligkeiten. FASD ist die häufigste Behinderung, die zu 100 Prozent vermeidbar ist.

 

Etwa jedes vierte Pflegekind in Deutschland hat FASD

Der Fachdienst Betreutes Wohnen in Familien (BWF) ist Teil der Ambulanten Dienste der Stiftung Liebenau, die unterschiedliche Wohn- und Lebensformen für Menschen mit Behinderungen anbietet. Die kontinuierliche fachliche Begleitung der Pflegefamilien erfolgt durch ein Team aus sozialpädagogischen und heilpädagogischen Fachkräften. Fetale Alkoholspektrumsstörungen haben in den letzten Jahren auch für den Fachdienst BWF kontinuierlich an Bedeutung gewonnen, denn etwa jedes vierte Pflegekind in Deutschland hat FASD. Bei den durch den Fachdienst BWF begleiteten Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen sind es sogar rund vierzig Prozent.

 

Irritierendes Verhalten durch hinrorganische Schädigung

Menschen mit FASD zeigen häufig sozial unangemessenes, irritierendes Verhalten, das von Außenstehenden meist nicht als neurologisch bedingte Folge der hirnorganischen Schädigung wahrgenommen, sondern als schlechtes Benehmen oder Erziehungsversagen der Pflegeeltern fehlinterpretiert wird. Pflegeeltern stehen damit unter permanentem Rechtfertigungsdruck, weil sie das auffällige Verhalten der Kinder nicht „in den Griff bekommen“. Der Erfahrungsaustausch mit anderen Pflegeeltern, die gleiche oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben, kann eine starke Verbundenheit und gegenseitiges Verständnis bewirken und damit neben der fachlichen Begleitung der Profis eine wichtige Ressource darstellen, die unterstützt, stärkt und trägt.

 

Offener Erfahrungsaustausch

Das „Onlinemeeting FASD“ ist ein Angebot für Pflegeeltern, die Kinder und Jugendliche mit FASD bei sich aufgenommen haben und fachlich begleitet werden. Es handelt sich im Unterschied zu einer klassischen Selbsthilfegruppe um ein angeleitetes monatliches Zusammenkommen. Meist gibt es ein inhaltliches Schwerpunktthema, über das informiert wird. Wichtig ist dabei auch der offene Erfahrungsaustausch zu aktuellen Anlässen und Befindlichkeiten. Ziel ist es, Wissen über FASD zu vertiefen und sich gegenseitig zu unterstützen.  Obwohl Treffen in Präsenz in der Zwischenzeit wieder möglich gewesen wären, haben sich die Pflegeeltern entschieden, das Onlineformat beizubehalten, da die Teilnahme so niederschwellig möglich ist und zudem beide Elternteile teilnehmen können. Treffen in Präsenz finden zusätzlich immer wieder tagsüber und mit den Kindern statt.

 

Geringe Aufklärungsrate erschreckend

„Präventionsarbeit ist unserer Ansicht nach eigentlich nicht (auch noch) primäre Aufgabe von Pflegeeltern“, so Michael Reiser, Diplom-Sozialpädagoge und zertifizierte Fachkraft für Fetale Alkoholspektrumstörung. Die Weigerung der Pharmaindustrie, Schwangerschaftstests mit entsprechenden Warnhinweisen zur Gefahr von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft zu versehen, sorgte jedoch für große allgemeine Entrüstung. „Der Entschluss, sich an der von FASD Deutschland e. V. initiierten Mitmachaktion zu beteiligen, war deswegen schnell gefasst.“ Die Reaktionen in den Apotheken waren durchweg positiv. Wirklich überzeugt werden musste niemand. Allerdings hat die Aktion auch offenbart, wie gering die Aufklärungsrate noch immer ist. „Was mich echt schockiert hat, ist, egal wem ich den Flyer gezeigt habe, jeder erst mal gefragt hat, was denn FASD sei. Das ist wirklich erschreckend., so eine Pflegemutter.

 

Eine Erleichterung, so regte ein Apotheker an, wären kleine Aufkleber, die direkt auf den Schwangerschaftstest anzubringen sind. So müsse man nicht zusätzlich noch „an die Flyer denken“. Urheberrechtlich ist das jedoch nicht möglich, so dass einstweilen nur die Option mit den Flyern bleibt. Aber FASD Deutschland e. V. ist an dieser Thematik weiter dran und solange gilt: steter Tropfen höhlt den Stein. Für das „Onlinemeeting FASD“ war und ist es jedenfalls eine gelungene Aktion.

 

Kontakt und Infos:

Michael Reiser, Stiftung Liebenau, Betreutes Wohnen in Familien, Friedhofstraße 11, 88212 Ravensburg, Telefon +49 751 977123-105,  michael.reiser@stiftung-liebenau.de.

 

Weiere Infos zu FASD finden Sie hier.

 

 

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Pressekontakt:
Stiftung Liebenau
Abteilung Kommunikation und Marketing
Vera Ruppert, Pressearbeit
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