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RAZ-Ulm – Ein Ausbildungszentrum, das verbindet

ULM – Das Regionale Ausbildungszentrum Ulm (RAZ) zählt nicht unbedingt zu den ersten Sehenswürdigkeiten der Münsterstadt. Betritt man aber das Haus in der Schillerstraße, merkt man schnell: Von Schattendasein kann in und um die Einrichtung für junge Menschen mit Förderbedarf keine Rede sein. Die Verantwortlichen um Einrichtungsleiter Johannes Hettrich haben verstanden, dass sie nur sichtbar werden, wenn sie offen auf ihr Umfeld zugehen, Netzwerke knüpfen und sich engagieren. Und genau das tun sie auf vielfältige Weise in Verbänden, Aktionsbündnissen oder mit eigenen Projekten, die weit über die Stadtgrenze hinaus ihre Wirkung entfalten.

Seit 2012 sind die Bäcker-Azubis des RAZ fester Bestandteil des „Ulmer Brot-Kultur- Festes”, das vom Museum der Brotkultur veranstaltet wird.

In Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kümmern sich die Jugendlichen des RAZ um verwitterte Weltkriegsgräber in Frankreich.

Engagiert und gut vernetzt in Ulm

„Als wir hier vor gut 22 Jahren unsere Arbeit aufgenommen haben, stand zuerst viel Überzeugungsarbeit bei den Handwerksbetrieben an”, erinnert sich Johannes Hettrich. Der Gedanke, dass Menschen mit Einschränkungen bei richtiger Förderung auch einen Platz am ersten Arbeitsmarkt einnehmen können, war ungewohnt. Heute melden sich die Handwerker aus der Region im RAZ, um sich nach fähigen Leuten umzuhören. Das liegt nicht nur am allgegenwärtigen Fachkräftemangel, sondern vor allem an der Art und Weise, wie die Verantwortlichen des RAZ als Gastmitglied der Handwerksinnungen informiert und immer wieder den persönlichen Kontakt in die Unternehmen gepflegt haben.

 

Davon profitieren insbesondere die Azubis, die in Ulm in sechs klassischen Handwerken ausgebildet werden, die bereits auf der „Roten Liste der bedrohten Ausbildungsberufe” stehen. Allen voran das Bäckerhandwerk, das in der hauseigenen Bäckerei gelehrt wird. Seit 2012 sind die Bäcker-Azubis des RAZ fester Bestandteil des „Ulmer Brot-Kultur-Festes”, das vom Museum der Brotkultur veranstaltet wird. Hier zeigen sie nicht nur ihr Können im Brezeldrehen und Teiganrühren, das Verkaufsteam bringt die frisch gebackenen Produkte auch gleich an die Frau und den Mann. Ähnliche Aktionen gibt es auch in anderen Gewerken: Als die Metzgerinnung Ulm sich im Jahr 2016 den Leberkäs-Weltrekord holte, waren Azubis aus dem RAZ mit von der Partie.

 

Auf diese Weise in der Öffentlichkeit zu stehen, zahlt nicht nur auf das Image der Einrichtung ein. „Es stärkt unsere Jugendlichen ungemein in ihrem Selbstbewusstsein, zu sehen: Hey, wir können ja richtig was!”, sagt Hettrich. Dass sich der Einsatz lohnt, zeigt sich an der Prominenz der Kunden. So durften schon die Fantastischen Vier in den Genuss eines RAZ-Caterings kommen, als sie im benachbarten Kulturzentrum Roxy zu Gast waren. Unnötig zu erwähnen, dass das Roxy zu den langjährigen Kooperationsbetrieben zählt.

 

Nachhaltigkeit und schonender Umgang mit Ressourcen

Ein Thema, das im Kontext der Lebensmittelverarbeitung natürlich nicht fehlen darf, ist Nachhaltigkeit und schonender Umgang mit natürlichen Ressourcen. Lange bevor „Fridays for Future” in aller Munde war, ist das RAZ zum offiziellen Partner der Fairtrade-Stadt Ulm geworden. Dafür werden im Bäckereiverkauf verschiedene fair gehandelte Produkte angeboten oder weiterverarbeitet. Das Ausbildungsteam wollte die Kriterien jedoch bewusst etwas weiter fassen, als es die Macher von „Ulm handelt fair” vorgeben. Seither wird das Mehl von einem Müller aus Ehingen bezogen, Obst und Gemüse liefert ein Bauer aus Söflingen und alle To-Go-Produkte werden in Mehrweggeschirr angeboten. „Wir möchten aber nicht nur Plastikmüll vermeiden, sondern insbesondere auch keine Lebensmittel wegwerfen, deshalb spenden wir übriggebliebene Backwaren gerne an die Ulmer Tafel”, ergänzt Hettrich.

 

Hier setzte im Jahr 2020 ein Projekt an, das Bildungsbegleiter Olaf Schrader gemeinsam mit vier Auszubildenden gestalten durfte: „Future everyday for everyone” – ein inklusives Medien- und Wirtschaftsprojekt, so der vielversprechende Titel. „Uns ging es einerseits darum, bei den Jugendlichen ein generelles Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu schaffen, ihnen aber auch etwas Orientierung in einer widersprüchlichen Welt zu geben”, sagt Schrader. So bestand der kommunikative Teil des Projekts vor allem darin, komplexe Zusammenhänge, zum Beispiel in Bezug auf den Klimawandel, so aufzubereiten, dass auch lernschwächere Mitschülerinnen und Mitschüler die Probleme und Lösungsansätze begreifen können. Die Ergebnisse der Projektgruppe wurden schließlich auf einer digitalen Lernplattform veröffentlicht, die noch den kommenden Schülergenerationen zur Verfügung stehen wird.

 

Eigenverantwortlich handeln

In Ulm und Umgebung wird also jede Menge getan, um einen guten Eindruck und einen möglichst kleinen CO²- Abdruck zu hinterlassen. Mit dem Projekt „Arbeit für den Frieden”, das im Jahr 2018 erstmals durchgeführt wurde, ging es dann sogar ins europäische Ausland. In Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kümmern sich die Jugendlichen um verwitterte Weltkriegsgräber in Frankreich. Und weil die Themen Krieg und Tod nicht für witzige Tik-Tok-Videos taugen, verarbeiteten sie ihre Erfahrungen und Emotionen später – ganz klassisch – in Gedichten und Zeichnungen. Projekte wie dieses sind nicht unbedingt an die klassischen Ausbildungsinhalte angelehnt, sie tragen jedoch maßgeblich dazu bei, die Teilnehmer in ihrer persönlichen Entwicklung zu fördern und sich, besonders nach der Ausbildung, nicht mit einem Schattendasein zufrieden zu geben. „Unseren Erfolg messen wir daran, dass die Jugendlichen ihr eigenes Leben soweit wie möglich eigenverantwortlich gestalten können”, sagt Hettrich. „Das geht manchmal holprig und auf jeden Fall in vielen kleinen Schritten. Aber es geht!”

 

 

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