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So gelingt Kommunikation: Im Dialog zu gemeinsamen Lösungen kommen

MECKENBEUREN – Mit Worten, mit Gesten, mit unserem Körper: Wir kommunizieren immer. Aber nicht immer verstehen wir uns richtig. Im Gegenteil: Ob auf dem Schulhof, in der Politik, in den sozialen Medien: Kommunikation dient häufig eher der Abgrenzung. Wie Kommunikation zur Verständigung führt, erläutert Anna Jäger. Die Diplompädagogin und Transaktionsanalytische Beraterin arbeitet seit über 20 Jahren freiberuflich im Bereich Kommunikation, Führungskräfteschulung und -beratung in Zusammenarbeit mit ihrem Partner Dr. Alexander Myhsok im dialogos team.

Anna Jäger beschäftigt sich seit vielen Jahren mit gelingender Kommunikation.

Frau Jäger, was ist gelingende Kommunikation?

 

Seit Ende des 20. Jahrhunderts erleben wir bei uns eine zunehmende Individualisierung. Eine der Auswirkungen ist, dass jeder seine, jede ihre Wirklichkeit konstruiert. Das Kunststück ist, im Beruf und auch im Alltag trotzdem zu Gemein- samkeiten zu kommen im Denken, Fühlen, Handeln. Das läuft wesentlich über Kommunikation. Und die gelingt unter ande- rem, wenn wir uns offen einbringen, bereit sind, uns auf ein Gegenüber einzulassen und gemeinsame Lösungen zu finden. Gelingende Kommunikation hängt also davon ab, dass Menschen überhaupt in Beziehung gehen können und vor allem: dass sie Unterschiedlichkeit als Bereicherung ansehen und nicht als Angriff oder als Kampfansage.

 

Wird dafür heute etwas anderes gebraucht als früher? Und woran liegt das?

 

Ja, heute wird dafür etwas anderes gebraucht. Die Betonung des „Ich“, gefördert durch eine zunehmende Individua lisierung, trägt in sich immer eine Gefahr der Verhärtung. Ich mache es deutlich an dem Unterschied zwischen „Diskussion“ und „Dialog“. In der Diskussion (im Wort steckt: Analysieren, Zerlegen, Zerschneiden) geht es letztlich darum, sich durchzu- setzen. Das führt zu Siegern und Verlierern und zur Verhärtung letztlich auf beiden Seiten. Der Dialog (nach David Bohm und Martin Buber) will zu einem gemeinsamen Denken führen, leitet einen Suchprozess ein und führt zu gemeinsamen Lösungen. Der Dialog berücksichtigt damit auch, was Menschen heute suchen: auf Augenhöhe mit dem anderen sein, sogar in hierarchischen Beziehungen.

 

Wie lernt man, „richtig“ zu kommunizieren?

 

Über Reflexion! Kommunikation gehört zum Alltagswissen, und das erwerben wir (zwischen 90 und 98 Prozent) im Alltag, in der Familie, von Eltern und Vorgesetzten, Lehrern, Kollegen. Manchmal spüren wir dann selber in oder nach einem Gespräch: „Das war nicht so toll.“ Wir bekommen eine Rückmeldung oder wir holen sie uns. Es kommt also zunächst auf die Einsicht an, dann auf die Reflexion. Und dann können wir uns noch zusätzlich qualifizieren über so genanntes organisiertes Lernen, wie es die Akademie Schloss Liebenau anbietet. In dieser spezifischen Lernform geht es dann darum, dass vorhandenes, tiefsitzendes Alltagswissen in der Kommunikation in Bewegung gebracht wird. „Störe meine Denke!“ Das ist ein Ansatz, den wir heute umsetzen. Das allerdings wieder in der wertschätzenden, sich auf Augenhöhe befindlichen Rückmeldung, ohne Sieger- und Verlierermentalität. Grundlage für die Erhaltung der Wertschätzung ist für mich die Grundposition der Transaktionsanalyse: „Ich bin o.k. – du bist o.k.“ Sie meint, sich selbst zu achten und wertzuschätzen und ebenso das Gegenüber. Aus dieser Haltung heraus kann ich leichter mit einem Gegenüber sprechen.

 

Sie arbeiten mit Menschen aus verschiedenen Branchen und unterschiedlichen Generationen. Gibt es Unterschiede im Kommunikationsverhalten?

 

In eher „praktischen“ Berufen ist die Kommunikation direkter, sachbezogener, weniger „empfindlich“. Sie dient dem Sachprodukt. Im Sozial- und Bildungsbereich ist Kommunikation und sind kommunikative Fähigkeiten oft schon das „Produkt“. Es steht im Umgang mit der Klientel mehr im Zentrum, wird auch mehr beobachtet und ist deshalb auch ein explizites Thema. Und weil es mit der jeweiligen Person, die kommuniziert, direkt zu tun hat, ist es auch ein sensibles Thema. Rückmeldung wird dann oft als Kritik aufgefasst. Zum unterschiedlichen Kommunikationsverhalten von Jung und Alt greife ich beispielhaft die „Generation Y“ heraus, jetzt im Alter etwa von 25 bis 30 Jahren. Verallgemeinert gesprochen, ist sie im Gegensatz zu früheren Generationen geprägt von weniger Hierarchie-Erfahrung. Mama und Papa haben die Kinder schon früh in Entscheidungen einbezogen, Lehrer kamen aus der 68-er Generation. Und sie haben auch viel Rückmeldung, insbesondere positive Bestätigung, erhalten. Diese Generation geht unbefangener mit Vorgesetzten um, und sie will Rückmeldung, offene Rückmeldung und das oft. Sie ist in der Kommunikation direkter, und das alles unterscheidet sie von den früheren Generationen.

 

In der sozialen Arbeit kommunizieren wir häufig mit Menschen, deren Verständigungsmöglichkeiten eingeschränkt sind. Kann man die Grundsätze gelingender Kommunikation darauf übertragen?

 

Ja – unbedingt! Nehmen wir einige Kernkompetenzen im dialogischen Verhalten, zum Beispiel: Zuhören, ohne gleich eine Antwort zurechtzulegen; die Kommunikation verlangsamen; offen sein; von sich und von Herzen sprechen. Das sind Grundsätze für eine gelingende Kommunikation mit Menschen, ob mit oder ohne geistige Behinderungen. Die vorher genannte o.k.-Haltung sollte ich allen Menschen gegenüber als Grundhaltung leben. Je nach Verständigungsmöglichkeit kommuniziere ich das, was zwischen uns gut oder schwierig, störend ist oder einfach auch nicht geht, offen und direkt. Basis ist eine annehmende, liebende Haltung – ohne sich selbst aus dem Blick zu verlieren. Und die ist bei Menschen mit Einschränkungen mehr und auch direkter gefordert.

 

Verändert die digitale Kommunikation etwas? Und wenn ja, in welche Richtung?

 

Ich mache überraschenderweise gute Erfahrung mit digitalen Medien. Voraussetzung ist jedoch, dass wir uns bereits kennen und einen Stil der Zusammenarbeit gefunden haben auf der Basis von gegenseitigem Vertrauen. Zwischentöne und versteckte Botschaften werden allerdings weniger schnell wahrgenommen. Das Funktionale steht im Vordergrund. Oberflächlich gesehen, erleichtert das die Kommunikation. Jedoch: Aussagen wirken nach und hinterlassen oft einen bitteren Geschmack. Dann gilt es wieder, dies offen anzusprechen.

 

 

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Pressekontakt:
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Abteilung Kommunikation und Marketing
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