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Ergründen, was Menschen bewegt

von Prälat Michael H. F. Brock – Ich habe mir abgewöhnt, bei Menschen, die mir begegnen, immer als erstes auf das zu schauen, was sie tun, arbeiten, sprechen, ausstrahlen. Ja, nicht als erstes darauf zu schauen, was sie tun, sondern als erstes darauf zu schauen, welche Beweggründe sie dafür haben, was sie tun, was sie sprechen, wie sie sich bewegen.

Weil ich festgestellt habe, dass all das, was uns bewegt, letztlich ausschlaggebend dafür ist, wie wir das tun, was wir tun. Ich denke, es gibt den objektiven Blick auf das, was wir machen und tun, nicht, weil wir keine Objekte sind. Es zählt also immer das Subjekt, immer der Mensch hinter dem Gedanken, hinter dem Tun, hinter seinen Aussagen.

 

So kommt mir manchmal Kritik entgegen, und wenn ich bisher darauf geachtet habe, diese Kritik besonders objektiv anzuschauen und ihr zu begegnen, so weiß ich heute, dass da immer eine gewisse Subjektivität dahintersteckt – Beweggründe. Warum wird mir Kritik oder auch Lob entgegengebracht?

 

Die Beweggründe sind gar nicht so leicht herauszufinden. Manchmal stecken sie tief in der Vergangenheit. Ich kann mich erinnern an einen Menschen, der mein Tun ständig kritisiert hat, und ich habe im Gegenzug immer herauszufinden versucht, was ich denn falsch mache. Bei manchen Begebenheiten konnte ich Kritik gut annehmen, bei anderen war mir völlig schleierhaft, warum mir Kritik – und auch noch in dieser Form – so hart nahegebracht wurde, bis sich herausstellte, dass der Beweggrund meines Gegenübers gar nicht die Sache war, um die es ging, sondern eher eine Frage von Karriere und Macht.

 

Noch schwieriger ist es bei Freundlichkeiten, weil man die – ich auch – ja, immer wieder gerne hört. Aber auch da gilt die Frage, ist diese Freundlichkeit mir oder meinem Handeln geschuldet? Oder möchte er oder sie durch diese Art freundlich zu sein nicht einfach auf einen fahrenden Zug aufspringen?

 

Heute schaue ich mehr auf die Beweggründe. Darauf, was Menschen bewegt, so zu sein, wie sie sind, oder so zu sein, wie sie vorgeben zu sein. Nehmen wir Judas Iskariot aus der biblischen Geschichte. Ein Verräter, wie wir sagen. Aber waren seine Beweggründe wirklich Verrat? Wollte er nicht seinen Freund zwingen, sich an einen Tisch mit den Hohen Priestern zu setzen, und die 30 Silberlinge waren der Preis? Oder nehmen wir Petrus, von dem wir wissen, dass er Jesus dreimal verleugnet hat. Aber was waren die Beweggründe? War er ein schlechter Freund? Sicher nicht. Aber vielleicht hatte er Angst? Vielleicht hatte er ihn nur erlebt als den großen Messias in seinem Denken und in seinem Herzen. Und hatte nun Angst, dass er sterben musste – Jesus. Und der Beweggrund seiner Verleugnung war Verzweiflung.

 

Und so begegnen mir jeden Tag Menschen. Ich höre, was sie sagen. Ich sehe, was sie tun. Ich erlebe, was sie ausstrahlen. Und ich frage mich immer häufiger, was ist der Beweggrund dahinter? Und stelle fest, dass ich immer dann angemessen reagieren kann, wenn mir klar ist, warum mein Gegenüber sich so verhält, wie er sich verhält, und manchmal sogar überrascht bin, wieviel Freiheit zwischen zwei Menschen geboren wird, wenn sie verstehen, was sie bewegt.