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In unserer Mitte – Der Mensch. Eine Vergewisserung

von Prälat Michael H. F. Brock – „In unserer Mitte – Der Mensch: Das ist für uns die blanke Selbstverständlichkeit. Die größte Herausforderung, der Maßstab unseres Scheiterns, die Vision unserer Stiftung, die Grundlage unseres Selbstverständnisses, der Urgrund tiefster Missverständnisse und Zerrbilder und Anlass genug, dass wir uns vergewissern.“ Vorstand Michael H. F. Brock gibt Impulse für ein zeitgemäßes Verständnis des Leitworts der Stiftung Liebenau.

Die richtige Haltung
Grafisch verdichtet findet sich das Leitwort in unserem Logo. Es stützt sich biblisch auf ein Bild des Künstlers Roland Peter Litzenburger, ist seine Interpretation des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter. Zwei Menschen, der Helfer und der Hilfebedürftige, wenden sich einander zu. Allerdings beugt sich der Helfer niemals herab zu dem Bedürftigen, sondern die beiden begegnen sich auf Augenhöhe. Das Logo bringt damit zum Ausdruck, dass die richtige Haltung immer eine partnerschaftliche Zuwendung bedeutet. Nicht die barmherzige Herablassung von oben, sondern die vornehmste Haltung des Stützens, des Sich-Begegnens, auch des Helfens auf Augenhöhe.

 

Im Bewusstsein der eigenen Verletzbarkeit sollte sich kein Mensch von oben einem anderen Menschen herablassend zuwenden. Denn der Satz: „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst!“, ist eben nicht die gönnerhafte Herablassung und barmherzige Zuwendung des einen zum anderen, sondern ist geradezu Ausdruck des partnerschaftlichen Verhältnisses auf Augenhöhe. Das heißt gleichzeitig: Die Liebe zum anderen, die Zuwendung oder die Einlassung auf einen Menschen, setzt die eigene Einlassung auf sich selbst voraus. Sorge für einen Menschen setzt die Sorge für sich selber voraus. Vertrauen in einen Menschen zu investieren, setzt voraus, dass ich innerlich vertraut bin, auch mit mir. Die Grundentscheidung des Christlichen ist eine Grundentscheidung zur Selbstfindung nur im Gegenüber des anderen. Partnerschaftlich und auf Augenhöhe. Auf der Grundlage eigener Begrenztheit, Fehlerhaftigkeit und jeweils dem Augenblick und der Erneuerung verpflichtet.



Der entschiedene Mensch
Der Mensch, der sich zum christlichen Menschenbild bekennt, unterscheidet sich nicht grundlegend vom Menschen an sich. In seiner ganzen Gebrochenheit, in seinen Ängsten, Hoffnungen, Zweifeln und Sehnsüchten. Nur dass er sich entschieden hat, dass er sich auf eine ganz bestimmte Weise entschieden hat, die Welt zu sehen, sich selbst in der Welt zu sehen und sich selbst in Beziehung zu sehen zur Welt, zu seinem Gegenüber und zu Gott. In seiner christlichen Entschiedenheit will der entschiedene Mensch ans Licht bringen die Wunden dieser Welt. Heilen, was verwundet ist.

 

Jeder Mensch lebt in seiner Gebrochenheit, muss vertrauen lernen und Verletztheiten heilen. Auch die Stiftung muss vertrauen lernen und Verletztheiten heilen. Jeder Mensch muss sich selbst entscheiden, welchen Platz und welche Sichtweise er von sich selbst und vom anderen einnehmen möchte. Auch die Stiftung muss sich entscheiden, welchen Platz und welche Sichtweise sie von sich selbst und von anderen einnehmen will. Und weder Zerrbilder noch Überhöhungen dürfen dazu führen, Ideale preiszugeben oder zu pervertieren. Am Ende darf das individuelle und institutionelle Scheitern eines Menschen an seinen eigenen Ansprüchen nicht zur Negierung seiner Ideale führen. So bleibt das Leitwort „In unserer Mitte – Der Mensch“ unverzichtbar, auch dort, wo es für Augenblicke oder Zeiten nicht eingehalten werden kann.


Über die Balance
Auch bleibt das Ideal der Zuwendung des Menschen zum Menschen immer den Gesetzmäßigkeiten einer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen, auch materiellen Welt unterworfen. Das Christliche gibt es nie außerhalb der Welt und wird ihr nicht einfach hinzugestellt, sondern ist ihr immanent. Begriffe wie Wirtschaftlichkeit, Fachlichkeit, Finanzstärke und Menschlichkeit oder Kirchlichkeit sind in einem Unternehmen wie der Stiftung Liebenau nicht untereinander austauschbar. Unverzichtbar ist es, dass wir uns am Menschenbild des Evangeliums orientieren, unverzichtbar, dass wir uns um Fachlichkeit bemühen, unverzichtbar, wirtschaftlich höchst solide zu sein.

 

Wenn wir eines dieser Ziele streichen würden, könnten wir die je anderen nicht mehr verwirklichen. Eine Fachlichkeit, die auf der Höhe der Zeit ist. Eine Finanzstärke, die das ermöglicht, aber sich nicht in den Vordergrund spielt. Eine Menschlichkeit, die auch die Gebrechlichkeit derer einschließt, die wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nennen und Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls bedürftig sind wie jene, die uns anvertraut sind. Drei Werte, die Gleichermaßen wichtig sind. Aber sie alle dürfen immer nur für den Augenblick ihre Wichtigkeit beanspruchen, in dem sie für die Ermöglichung des jeweils anderen Raum brauchen. Nur im Wechselspiel von Fürsorge und Versorgung, von Kompetenz und Barmherzigkeit, von verantwortlichem Umgang mit Gewinnen und der freigiebigen Ausschüttung, wo es nottut, entsteht eine Münze, die wir spielen können und die da heißt: Bei uns steht immer und überall im Mittelpunkt der Mensch – hoffentlich in all seinen Schattierungen, Hoffnungen, Sehnsüchten, Notwendigkeiten und Gebrochenheiten ernst genommen und im besten Sinne des Wortes menschlich.

 

Der Mensch lebt im Chaos seiner eigenen Existenz, niemals im Gleichgewicht – so wie die Stiftung auch. Und so gilt es für uns als Stiftung wie als Menschen, stets auszubalancieren: unsere Menschlichkeit, unsere Werte und unsere Ideale und eben auch unser Leitwort „In unserer Mitte – Der Mensch“.