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Tausend neue Schritte

von Prälat Michael H. F. Brock – Das hört sich viel an: tausend neue Schritte. Zählen Sie Ihre Schritte, die täglichen, gewohnten? Ich tue das. Nicht immer, aber hin und wieder. Die ersten Schritte früh morgens. Die gequälten, halb verschlafenen hinüber zum Bad, unter die Dusche, zurück in die Küche, hinab zur Zeitung und die erste geplante Ruhephase nach den ersten Schritten beim Kaffee.

Dann die Schritte, die gewohnten, alltäglichen: zur Arbeit, zum Schreibtisch, in Besprechungen. Treppen, Flure, Gänge. Das übliche „Guten Morgen“ und die vielen Worte zwischen den immer weniger werdenden Schritten. Bei manchen ist es umgekehrt: die immer weniger werdenden Worte bei den immer größer werdenden Laufwegen – von Zimmer zu Zimmer in unseren Pflegeheimen, auf den Wohngruppen. Die immer gleich eingeforderte Freundlichkeit. Die immer gleichen Wege. Dieselben Menschen: die freundlichen, mürrischen, wortgewandten und murrenden. Die Pausengespräche und die wieder gewohnten Schritte in den gewohnten Bahnen. Der abendliche Einkauf, zurück in die Wohnungen und Häuser und bald schon wieder ins Bad, der letzte Blick in den Nachthimmel, in ein Buch, ein Blick in Nachrichten und einen Film oder die gewohnten Gespräche vor dem Schlafengehen.

 

Dann hätten wir sie wieder beisammen. Bei den meisten von uns sind es zwischen dreitausend und viertausend Schritte. So viele? Ja, und doch so wenige. Die gewohnten reichen nicht aus. Das sagen jedenfalls die „Apps“ auf unseren „Gesundheitstelefonen“. Die Uhren an der Hand oder besser noch unser gesunder Menschenverstand. Die gewohnten Schritte werden wir meist nicht verändern können. Aber viertausend Schritte sind zum Glücklichsein auch nicht ausreichend. Und der Weg vom Bett zum Bad, in die Arbeit und wieder zurück ist auch noch kein ausgefülltes Leben. Und die sorgenvollen Schritte allemal machen den Tag noch nicht zu dem Tag, den ich meine.

 

Ich habe tausend Schritte übersprungen bei meiner Beschreibung. Es sind die tausend Schritte, die Sie hinzufügen dürfen, wenn Sie neben den gewohnten und notwendigen Schritten ein paar glückliche und fürsorgende noch mit hinzunehmen. Nehmen Sie die Schritte, die Sie abseits des Gewohnten heute noch einmal zu einem Menschen führen, an dem Sie am Morgen noch vorübergingen in Gedanken. Jene Wege, die Sie zu einem Menschen führen, der Sie noch sehnlichst erwartet, obwohl doch eigentlich gar keine Zeit übrig war. Oder jene Schritte, auf die Sie sich den ganzen Tag gefreut haben, Sie am Abend noch gemeinsam gehen zu dürfen.

 

Manchmal sind es auch Fluchtschritte. Auch die muss es manchmal geben. Schritte, die Sie einfach weg führen von den gewohnten Gängen. Suchende, hoffende, sehnsüchtige Schritte paaren sich mit den liebevollen, gewohnten und neuen. Ja, überhaupt: Gönnen Sie sich noch neue Schritte? Sagen wir tausend am Tag. Tausend neue Schritte. Das schafft man in einer Stunde. Ich hab‘s probiert. Und es ist keinesfalls anstrengend. Tausend neue Schritte sind nicht nur gesund für den Körper. Sie führen uns auch auf Wege, die wir gewohnt so gar nicht beschreiten würden. Es muss ja nicht gleich unser ganzes Leben verändern. Aber ein Blick, eine Begegnung, ein Augenblick Veränderung am Tag lässt uns ja auch den gesamten Tag anders erscheinen. Ich jedenfalls plädiere für die tausend Schritte mehr am Tag – neue Schritte, damit uns die gewohnten nicht im Weg stehen.

 

aus: Michael H. F. Brock, Gemüsesuppe zum Kaffee © Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2018. www.verlagsgruppe-patmos.de