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Vielseitige Verantwortung in der sozialen Praxis

MECKENBEUREN-LIEBENAU – Welche Verantwortung wir alle für uns, unsere Mitmenschen, unsere Umwelt tragen, hat nicht zuletzt die Coronapandemie drastisch verdeutlicht. Schmerzhaft haben wir erfahren, wie sehr die Ausbreitung des Virus vom Verhalten jeder und jedes einzelnen abhängig ist. Und wie schwer es fällt, persönliche Bedürfnisse hintenanzustellen, um das Wohl der Gemeinschaft nicht zu gefährden. Verantwortung ist aber nicht nur ein persönliches Thema. Welche Dimensionen der Begriff speziell in der sozialen Arbeit hat, erläutert Bernhard Preusche, promovierter Theologe und bis Februar 2021 Leiter der Stabsstelle Ethik in der Stiftung Liebenau.

Verantwortung: „Meist taucht der Begriff auf im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Fürsorge”, so Dr. Preusches Erfahrung.

Soziale Verantwortung besteht auch als Arbeitgeber gegenüber Mitarbeitenden.

„Wer ist für wen oder was vor einem anderen aus welchen Gründen verantwortlich?”

So lautet die zentrale Grundfrage aus Sicht des Ethikers. Diese Frage ist geeignet, die unterschiedlichen Facetten des Verantwortungsbegriffs systematisch zu erfassen. Zunächst ist jeder Mensch vor sich selbst und seinem Gewissen verantwortlich, so Dr. Preusche. Das sei die Ebene der moralischen Verantwortung. „Und wir wissen, wie schnell wir manchmal dabei sind, der Verantwortung auszuweichen”, sagt Dr. Preusche. Und den Kaffee-to-go im Einwegbecher nehmen, obwohl wir die Umweltbelastungen durch Müll kennen. Drastischere Beispiele sind dort zu sehen, wo Menschen bewusst wegschauen, um die Not anderer nicht wahrnehmen zu müssen.

 

Daneben ist im beruflichen Kontext aus Sicht des Ethikers vor allem die rechtliche Verantwortung relevant, die Menschen in ihren Berufsrollen tragen. Der Heilerziehungspfleger ist in seiner Rolle verantwortlich für seine Klientinnen und Klienten, die Geschäftsführerin für ihr Unternehmen, der Vorstand für den Fortbestand der Stiftung. Auch politische Verantwortung fällt in diesen Bereich: Wenn die Stiftung sich beispielsweise dafür einsetzt, dass bei Gesetzesreformen die Interessen ihrer Klientinnen und Klienten angemessen berücksichtigt werden.

 

Corporate Social Responsibility

Derzeit besonders im Fokus steht der Begriff der sozialen Verantwortung, die vor allem Unternehmen wahrnehmen sollen. Der Begriff der Corporate Social Responsibility, kurz CSR, umfasst die Verantwortung einer Organisation für die Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf die Gesellschaft und die Umwelt. Gemeint sind zum einen soziale Standards, die Verantwortung als Arbeitgeber gegenüber Mitarbeitenden etwa, beispielsweise wenn es um gerechte Entlohnung geht oder um die Sicherheit und Gesundheit ihrer Mitarbeitenden. Soziale Verantwortung eines Unternehmens wird auch daran gemessen, welchen Beitrag es zum Gemeinwohl leistet. Schließlich werden die ökologischen Standards einer Organisation, etwa im Umgang mit natürlichen Ressourcen, betrachtet.

 

In der sozialen Praxis geht es häufig um die Auseinandersetzung mit Verantwortung. „Meist taucht der Begriff auf im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Fürsorge”, so Dr. Preusches Erfahrung. Einerseits gilt es, den Menschen, die in der Stiftung Liebenau betreut und gepflegt werden, möglichst viel Freiheit und Selbstbestimmung zu ermöglichen. Dieser persönlichen Autonomie stehen aber teilweise Schutz- und Fürsorgeansprüche entgegen. Wenn ein Bewohner unbedingt in seinem Zimmer rauchen will, aber immer häufiger dabei einzuschlafen droht und so erhöhte Brandgefahr besteht. Wenn eine Bewohnerin eine notwendige medizinische Behandlung verweigert. Oder wenn jemand am Lebensende bewusst alle Nahrung ablehnt. Solche Dilemma-Situationen sind herausfordernd für die betroffenen Teams – und sie fordern den Ethiker. Mit einer Reihe von Instrumenten bietet die Stabsstelle Ethik Hilfe an.

 

Ethische Hilfe in der Praxis

Zahlreiche Stellungnahmen und Handreichungen wurden zusammen mit dem Ethikkomitee der Stiftung Liebenau er arbeitet, zur Unterstützung der Elternschaft von Menschen mit Behinderungen ebenso wie zum freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit und zur Sterbebegleitung. Das interdisziplinäre Gremium setzt sich zusammen aus Vertreterinnen und Vertretern von Pflege, Pädagogik, Medizin, Jura, Theologie und Ethik. Seine Stellungnahmen münden regelmäßig in Handlungsempfehlungen, die konkrete Hilfestellung geben sollen, Verantwortung zu übernehmen. Um ethische Fragestellungen für Mitarbeitende in der Praxis handhabbar zu machen, werden außerdem verschiedene Fortbildungen angeboten.

 

Ethische Fallbesprechungen richten sich an Teams in speziellen Dilemma-Situationen. „Eine ethische Fallbesprechung ist das praktischste Instrument, um systematisch neue Handlungsoptionen in einer verfahrenen Situation zu finden”, so Dr. Preusche. Das Konzept basiert auf dem medizinethischen Konzept von Tom L. Beauchamp und James F. Childress, zwei Medizinethikern aus den USA.

 

Um ethische Fragen in einem größeren Kontext zu bearbeiten, hat sich die die Stiftung Liebenau mit acht Sozialunternehmen zum Kooperationskreis Ethik zusammengeschlossen. Neben einem regelmäßigen Austausch werden auf Fachtagen und in Inhouse-Fortbildungen aktuelle ethische Schwerpunktthemen behandelt. 

 

Weitere Informationen zum Ethikkomittee der Stiftung Liebenau finden Sie hier.

 

 

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