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Weites Land

von Prälat Michael H. F. Brock – Es war einmal ein Mann, der von einem Tag auf den anderen beschenkt wurde. Ein weites Land ward ihm geschenkt. Blumen und Gärten nannte er fortan sein eigen. Und wie sehr freute er sich über dieses Geschenk des Lebens.

Gern betrachtete er es von einem hohen Berg. Er sah die Täler und Felder, die Wälder und Seen, die Bäche und Weinberge, die Rosenplantagen und eine kleine Siedlung mit Häusern aus Stein. Tiere lebten in den Wäldern und wenige, meist ältere Menschen, in den wenigen Häusern. Als er das weite Land bereiste, am ersten Tag, wurde es in ihm immer unruhiger. Mehr noch: Ihm wurde angst und bange. Die Felder lagen brach. Keiner hatte sie gepflügt und niemand hatte gepflanzt. Die Täler waren unzugänglich. Kein Weg führte hinunter zu den Bächen. Die Weinberge waren verwildert, die Weinstöcke nicht beschnitten. Die Rosenplantagen wucherten über vor Unkraut und die Fenster der Steinhäuser waren zumeist eingeschlagen, und die Dächer schienen undicht zu sein. Müde und voller Verzweiflung setzte sich der Mann an den Fuß einer Eiche, weinte erbärmlich, denn er spürte, er würde die Kraft nicht aufbringen, das weite Land zu bestellen. Ganz geschweige von den Tieren, die er niemals würde pflegen können. Es war alles zu groß, zu viel. Er habe doch nur zwei Hände, zwei Füße, zwei Augen und Ohren, nur einen Kopf zum Denken und auch nur ein Herz. Er spürte die Nähe einer Stimme in seinem Herzen, trocknete für einen Augenblick die Tränen in seinen Augen und lauschte der Stimme. Ja, mein Freund. Alles zusammen ist zu viel. Du kannst nicht alles, und nicht alles auf einmal. Versuche ein Rehkitz zu beschützen.

 

Pflanze so viel an, wie du für ein Leben brauchst. Dazu brauchst du nicht den ganzen Acker bestellen. Beschneide eine Weinrebe und sorge dich um eine Rose. Leg einen Weg an ins Tal und hole am Tag einen Krug Wasser. Richte ein Zimmer in einem Haus für dich her, und repariere die Fenster und das Dach für diesen einen Raum. Wird der, der mir das weite Land geschenkt hat, nicht gram sein, wenn er mit-bekommt wie wenig ich pflegen und hegen kann? Fragte er und die Stimme antwortete leis‘ und sanft. Du törichter Mensch. Glaubst du, der, der dir das Land gab, wusste nicht, dass es für einen einzelnen zu viel würde? Mach du das deine und schau was geschieht. Und tatsächlich. Bald schon fand er neben seinem Rosenstrauch einen zweiten, der von einem anderen gepflegt wurde. Es graste neben seinem Rehkitz bald ein zweites. Mit der Zeit fand er den Weinberg bestellt und die Häuser wurden bewohnt. Es waren all jene zurückgekehrt, die bislang das Geschenk des weiten Landes abgelehnt hatten, weil es ihnen zu viel erschien, die Arbeit zu mühsam und der Erfolg ausgeschlossen. Bis sie sahen, wie jener, dem das Land anvertraut worden war – unter Tränen zwar – nur das seine machte, nur das was er wirklich vermochte. Und sie sahen, wie ein Rosenstrauch in Blüte stand. Nur einer. Seiner! Und sie taten es ihm gleich bis das weite Land wieder in Blüte stand – bis heute.

 

Wenn jeder nur an seinem Ort mit Menschen, die ihm geschenkt sind, das tut, was er vermag, dann geschehen Wunder und das Lachen kehrt heim. Und in den Tälern erklingen Lieder von Freude und Glück.