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Wie geht Freizeit?

Im Alltag geben die Schule, die tägliche Arbeit und das Zusammenleben eine Struktur, einen mehr oder weniger festen Rahmen. Freizeit hingegen bedeutet ein Stück Freiheit, selbst darüber zu entscheiden, ob ich lieber wandern, chillen oder im Internet surfen will. Freie Zeit ist Ausgleich und Erholung. Sie sinnvoll zu nutzen, erfordert aber auch eigene Initiative und Selbstmotivation. Freizeit will gelernt sein.

Das gilt umso mehr für junge Menschen mit geistig-kognitiven Einschränkungen.

„Ich gehe sehr gerne mit meinen Freunden in die Stadt. Ich muss auf meine Gesundheit sehr achten, weil ich Diabetes hab. Ich mag shoppen und schau mich oft nach neuen Trends um. Ich schau auch viele YouTube-Videos von Bloggern und Influencern. Ich mag Großstädte und möchte auch mal in eine reisen. Ich bin auch gerne mit meiner Mama und meiner Familie unterwegs, wir fahren dann zusammen in die Stadt zum Bummeln. Manchmal mach ich auch draußen Quatsch. Ich bin viel draußen bei schönem Wetter mit meinen Freunden unterwegs. In den Ferien, wenn warmes Wetter ist, gehe ich gerne Eis essen oder an den Bodensee. Ausflüge allgemein machen mir Spaß.” Justin B. (14)

Junge Menschen in Hegenberg

 

Hegenberg an einem sonnigen Nachmittag: Ein paar Jungen fahren mit Fahrrädern und Rollern um die Wette, in der Netzpyramide streben einige Kinder in die Höhe. Auf dem Fußballplatz wird trainiert. Das Fachzentrum der Stiftung Liebenau in Hegenberg bietet Kindern und Jugendlichen viele Gelegenheiten, sich auf den Freiflächen, dem Spiel- und Sportplatz oder im Schwimmbad auszutoben und hier einen Teil ihrer freien Zeit selbst zu gestalten. Orientierung erhalten sie von den Pädagogen und lernen dadurch, ihre Freizeit systematisch zu strukturieren.

 

„Das fängt im Gruppenalltag an mit der Vermittlung eines sinnvollen Umgangs mit elektronischen Medien, mit Gruppenspielen, Angeboten im Freien oder mit Nichtstun”, so Stephan Becker vom Heilpädagogischen Fachdienst. Zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen macht er Jugendlichen außerdem freizeitpädagogische Angebote. So werden Gruppenaktivitäten wie eine Psychomotorik-Gruppe oder erlebnispädagogische Aktivitäten wie Bergwochenenden oder Klettern angeboten. Zeit genug bleibt auch für Eigenbeschäftigung, zum Beispiel beim Musikhören oder beim Surfen im den sozialen Medien.

 

„Zuerst kommt Fußball und dann lange nichts”, weiß er über die Interessen der Jugendlichen. Das gilt für viele Jungen und auch für etliche Mädchen. Für weibliche Teenies sei oft das Größte, sich in kleinen Gruppen mit Gleichgesinnten zu treffen. „Die Mädchen suchen sich ein Ziel, meistens in der nächsten Stadt.” Dort schauen sie, was so los ist.

 

Jugendliche, die gern in einen Verein gehen wollen, werden bei der Realisierung unterstützt: Mitarbeiter recherchieren, wer das Passende anbietet. „Und wir helfen beim Erstkontakt”, so Becker. Leider seien viele Jugendliche mit Einschränkungen „ersttrainingserfahren”. Soll heißen: Sie probieren Aktivitäten häufig in Schnupperstunden aus, egal, ob es um Fußball oder Bogenschießen geht. Beim Schnuppern bleibt es dann oft: einerseits aus Mangel an Selbstvertrauen und andererseits, weil manche Vereine den inklusiven Anforderungen nicht gerecht werden können.

 

Stephan Becker kennt begnadete junge Fußballspieler. Fernab vom sportlichen Können tun sie sich aber oftmals schwer, offen und angemessen auf andere zuzugehen, Kontakte zu pflegen und nicht bei der ersten Schwierigkeit aufzugeben. Durchhalten wird zur Herausforderung. Begründet ist dies nicht selten in der Biografie: Aufgrund ihrer Persönlichkeit und ihrer Lebensumstände müssen Jugendliche mit Einschränkungen ohnehin Besonderes leisten. Etliche haben sehr belastende Erfahrungen gemacht, sind emotional verunsichert und müssen mit Überforderung und Frustration kämpfen.

 

Förderorientierte Freizeitangebote werden in Hegenberg in unterschiedlichen Gruppen angeboten, zum Beispiel beim Fußball mit Spiel, Training und Turnieren. Musik- und Tanzgruppen oder Werken und Gestalten fördern die Kreativität. In getrennten Gruppen lernen Mädchen und Jungen die eigene Identität zu finden und in Klettergruppen das Halten und Gehalten- Werden. Die Motorik, die Wahrnehmung, das Sozialverhalten und die emotionale Entwicklung werden gefördert.

 

Eine wichtige Rolle spielen Unternehmungen in der Natur. Sie schaffen Achtsamkeit gegenüber der Umwelt und Umgebung. Und sie dienen dem inneren Spannungsabbau. Erlebnispädagogische Aktivitäten fördern gezielt und wohldosiert das gemeinsame Handeln, gegenseitige Unterstützung und Kooperation statt Konkurrenz. Die Jugendlichen können sich und ihre Grenzen ausprobieren. Ist eine spielerische, aber herausfordernde Aktion geschafft, allein oder in der Gruppe, wird dieser Erfolg zum persönlichen Triumph. Der eigene Mut wird belohnt. Die Persönlichkeit gestärkt.

 

Ein großes Thema für die Fachkräfte bleibt die Medienkompetenz. Für die junge Generation ist digital alles verfügbar. Die „Alpha-Erfahrung” des echten Windes wird durch die digitale „Beta- Erfahrung” verdrängt, wie Becker es ausdrückt. Umso wichtiger ist es, einen pädagogischen Schwerpunkt auf die Gestaltung der Freizeit zu legen. Jugendliche mit Einschränkungen werden in Hegenberg fit gemacht, um im Erwachsenenalter weitestmöglich selbstständig in einer Gemeinde zu leben. „Nicht nur ihren Alltag sollen sie dann meistern können, sondern auch ihre freie Zeit stimmig nutzen”, sagt der Heilpädagoge. Die pädagogischen Fachkräfte im Fachzentrum Hegenberg geben den jungen Menschen dafür das nötige Rüstzeug mit.

 

 

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