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Eine kurze Geschichte der Bildung

MECKENBEUREN-LIEBENAU – Bildung für Jeden, so lautet die Mission im Aufgabenfeld Stiftung Liebenau Bildung. Mit „Jeden” meint die Stiftung Liebenau insbesondere Menschen, denen aufgrund erhöhter Förderbedarfe, Lernbehinderungen und psychischer Krankheitsbilder eine Teilhabe an Bildung und Arbeitsleben zumindest erschwert ist. Ehe in den 1970er Jahren ein gesellschaftliches und politisches Umdenken stattgefunden hat, war deren beruflichen Perspektive – ein wesentlicher Teil der Lebensplanung – eher dem Zufall überlassen. Auch in der Stiftung Liebenau begann zu dieser Zeit eine Phase des Aufbruchs und der Innovation im Bildungsbereich. Gleichwohl bemühte man sich hier schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts um Bildungszugang für „schwachsinnige Kinder”, wie es damals hieß, als die Ausgrenzung nicht nur räumlich, sondern auch sprachlich noch gegenwärtiger war. Einige Schlaglichter auf das, was sich in der Bildungsarbeit in der Stiftung Liebenau seither entwickelt hat.

In der Don-Bosco-Schule findet der Unterricht statt.

Sie bietet eine Vielzahl pädagogischer Förder- möglichkeiten.

Neue Wohnkonzepte mit familiärer Atmo- sphäre in Hegenberg.

Von der Erziehungsanstalt zum Bildungszentrum
Zwei achtjährige Jungen gehören zu den ersten fünf Bewohnern, als Kaplan Adolf Aich 1870 die Arbeit in der Pfleg- und Bewahranstalt für Unheilbare in Liebenau aufnimmt. Wie der damalige Anstaltsname vermuten lässt, lag der Schwerpunkt damals nicht auf dem Feld der Bildung. Das sollte sich aber bald ändern, eine eigene Schule wurde erstmals 1899 erwähnt.

 

Eine Professionalisierung erfährt die Bildungsarbeit im Jahr 1929. Die inzwischen umbenannte „Heil- und Pflegeanstalt Liebenau” hatte einige Jahre zuvor im nahegelegenen Rosenharz ein Wirtschaftsgebäude samt ausgedienter Brauerei, Stallungen und Scheuer sowie 65 Morgen Land erworben. Auf dem Gelände entsteht seit 1928, nach einem für diese Zeit sehr modernen Konzept aus England, die Erziehungsanstalt St. Gertrudis für „schwache Kinder”, wie es in einer zeitgenössischen Beilage zur Oberschwäbischen Volkszeitung heißt. Bereits gegen Ende des Jahres 1929 sind dort 134 Schulkinder und 48 weitere Pfleglinge im Internatsbetrieb untergebracht.

 

Die Grundidee: Autonomie durch "ehrliche Handarbeit"

Neben dem Schulunterricht und der Erziehung im Sinne sozialen Lernens wird den Zöglingen auch eine „manuelle Ausbildung” zuteil: Sie werden zur Mitarbeit auf den Feldern angehalten, zur Kartoffel- und Obsternte herangezogen, zur Ährenlese und zum Steinelesen auf den Äckern. Legen wir heutige Maßstäbe an diese Erziehungsmethoden an, mögen sie etwas rüde erscheinen. Im Kontext der Zeit stehen sie jedoch in einem völlig anderen Licht. So spricht auch der damalige Schulvorstand Erwin Maier davon, seinen Zöglingen mit der Arbeitserziehung „später zu ermöglichen, mit ehrlicher Handarbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.” In einer Zeit, die weder einen Zweiten Arbeitsmarkt noch Werkstätten für Menschen mit Behinderungen kennt, ein äußerst fortschrittlicher Ansatz, der auf die Autonomie der Betreuten zielte.

 

Auch didaktisch und pädagogisch bewegt sich Schulvorstand Erwin Maier auf der Höhe der Zeit oder ist ihr bereits voraus: Neben sechs erzieherisch ausgebildeten Ordensschwestern aus Reute unterrichten drei staatlich geprüfte Lehrkräfte in St. Gertrudis.

 

Herber Rückschlag in Zeiten der NSDAP

Mit der Machtergreifung der NSDAP im Jahr 1933 erfahren die Erziehungsgrundsätze im Deutschen Reich und damit auch in Rosenharz eine völkisch-nationale „Neuorientierung”. „Die Schule wird auch weiterhin bestrebt sein, ihre Schüler streng national im Sinne des Führers zu erziehen zum selbstlosen Dienst an Volk und Vaterland”, heißt es in einem Schwesternbericht aus dieser Zeit. Von der Ermöglichung eines selbstbestimmten Lebens ist da bereits keine Rede mehr. Schlimmer noch. In den Gaskammern von Grafeneck werden auch Bewohner aus Rosenharz ermordet. Das Landerziehungsheim wird 1941 zur Lungenheilstätte der Wehrmacht umfunktioniert, die verbliebenen Kinder verlegt man in nahegelegene Pfleganstalten, ein Großteil der Schulkinder kommt nach Liebenau. Erst 1953 findet hier jedoch wieder ein geregelter Schulbetrieb statt, wo 111 Schulkinder von vier Ordensschwestern unterrichtet wurden.

 

Monsignore Dr. h. c. Huber: Den Wandel gestalten

Bis die Unterstützung zu einem möglichst selbstbestimmten Leben wieder in den Mittelpunkt der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen rückt, dauert es weitere 15 Jahre. „Bis 1968 war für unsere Arbeit die medizinisch-pflegerische Grundversorgung bestimmend”, berichtet der ehemalige Direktor Monsignore Dr. h. c. Norbert Huber in einer biografischen Begegnung mit der Autorin Heike Schiller. Monsignore Huber ist es auch, der die Zeit für den Wandel nicht nur erkennt, sondern auch zu gestalten weiß. Dem Fachkräftemangel begegnet er mit Konzepten zur Schaffung von bedarfsorientierten Ausbildungsangeboten für Heilerziehungshelfer, die der damalige Arbeitsmarkt schlicht nicht hergegeben hat. Ab 1969 werden in der Stiftung Liebenau die ersten Schulungen organisiert und durchgeführt, zwei Jahre später münden die Bemühungen Hubers in der Gründung des heutigen Institut für Sozialpädagogische Berufe in Ravensburg.

 

In diese Zeit des Aufbruchs, zu Anfang der 1970er Jahre, fällt auch das „Aktionsprogramm berufliche Rehabilitation”, das eine sozialpolitische Wende in der Bundesrepublik einleitet. Mit dem Bau des Kinderdorfes Hegenberg finden die Reformen des Sonderschulwesens und neue Ideen für Wohnkonzepte mit familiärer Atmosphäre auch architektonische Berücksichtigung. Die Form folgt der Funktion, das Behinderten-Heim wird zum Lebensraum für Kinder und Jugendliche mit geistigen und Lernbehinderungen. In der angeschlossenen Don-Bosco-Schule bietet sich eine Vielzahl pädagogischer Fördermöglichkeiten, die bereits Begegnungen im inklusiven Rahmen ermöglichen und den Unterricht durch kreative Angebote wie Theater-, Tanz- und Sportaktivitäten ergänzen. Einzig die beruflichen Perspektiven nach der Schulentlassung lassen noch zu wünschen übrig, denn ein Zugang zu betrieblichen Ausbildungsplätzen ist für die Klientel im System bis dahin noch nicht vorgesehen. Das ändert sich aber schon 1977, als die Pläne für das Berufsbildungswerk in Ravensburg ihren Weg aus den Schubladen auf die Schreibtische der politischen Entscheider finden.

 

Systematische Eingliederung in den Arbeitsmarkt

Die Idee, jungen Menschen mit Lernbehinderungen in außerbetrieblichen Lernorten, bei entsprechender pädagogischer Unterstützung eine systematische Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen, kommt damals aus Dänemark nach Deutschland. Die Zeit ist aber auch hier bereits überreif, wie Dr. Karl-Heinz Dieterich, der erste Geschäftsführer des Berufsbildungswerks Adolf Aich, später in einem Interview erläutert. Nicht unerheblich für dieses gesellschaftliche Umdenken ist dabei auch die Last der Verbrechen zur Zeit des Nationalsozialismus. „Die Gesellschaft hat die Chance gesehen, zu beweisen, dass wir mit diesen Menschen auch anders umgehen können”, sagt Dieterich anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Berufsbildungswerks im Jahr 2006.

 

Diese Chance wird in der Stiftung Liebenau in den Folgejahren ganz konsequent genutzt. Können sich bei der Eröffnung des BBWs 1982 noch 242 junge Menschen in acht Ausbildungsgängen bewähren, sind es heutzutage mehr als 700 in 55 anerkannten Ausbildungsberufen, die von einem multiprofessionellen Team aus 500 Fachkräften aus Handwerk, Technik, Pädagogik, Sozialarbeit, Medizin, Psychologie und Heilpädagogik betreut werden. 1998 kommt mit dem Regionalen Ausbildungszentrum Ulm eine weitere Standortkommune hinzu.

 

Erweitertes Schulangebot

Zur Don-Bosco-Schule, heute Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum, gehören aktuell neun Standorte mit mehr als 200 Schülern, die intensive Zusammenarbeit mit Regelschulen im Umfeld pflegen und mit zahlreichen Gemeinden kooperieren. Das ehemalige Kinder- und Jugenddorf Hegenberg wird gerade zu einem pädagogisch-therapeutischen Kompetenzzentrum für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene weiterentwickelt, das zukünftig Teil eines inklusiven und dezentral organisierten Systems sein wird.

 

 

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