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Erst die Ausbildung, dann das Abenteuer

RAVENSBURG – Kurz durchatmen, das Ziel fokussieren und dann einfach loslassen. Mehr ist es nicht, ein scheinbar simpler Ablauf, den Marvin Otto als passionierter Bogenschütze schon hunderte Male trainiert hat. Der 21-Jährige hat gerade eine Tischler-Lehre im Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) abgeschlossen und steht nun vor einem großen Abenteuer: Er absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr in Ruanda. Das ist selbst für geübte Loslasser eine Herausforderung.

Marvin Otto hat sein Tischler-Gesellenstück abgeliefert - eine Kommode.

Die Arbeit als Tischler macht Marvin Otto sehr gerne.

In der Schreinerwerkstatt fallen nicht nur Späne, es ist auch ziemlich laut

Marvin, du kommst aus Waiblingen und wolltest eigentlich Bühnenbildner werden. Wie kommt es, dass wir nun vor deinem Tischler-Gesellenstück im Berufsbildungswerk in Ravensburg stehen?

 

Stimmt, ich habe mich immer schon für das Theater interessiert und selbst auch schon Theater gespielt. Leider habe ich in größeren Gruppen oft Konzentrationsprobleme, gerade, wenn es dann noch laut wird. Bei der Arbeitsagentur in Waiblingen wurde mir deshalb empfohlen, es in Ravensburg beim BBW mit einer Ausbildung zu probieren, weil man mir dort helfen könne, besser damit umzugehen.

 

Ravensburg ist gut 200 Kilometer von deiner Heimat entfernt, hat dich das nicht abgeschreckt?

 

Es war schon eine Umgewöhnung: Ich war zum ersten Mal so lange von zu Hause weg, in einem Wohnheim mit anderen Jugendlichen, die hier auch ihre Ausbildung machen. Anfangs hat es etwas gedauert, bis ich mich eingelebt hatte. Hin und wieder ist das auch anstrengend, weil hier jeder so seine Probleme hat und einige Mitbewohner dabei sind, die sich nicht gleich anpassen können. Jetzt, wo ich nur noch ein paar Tage hier verbringen werde, fehlt es mir bereits.

 

Nun könntest du eigentlich gleich ins Berufsleben durchstarten. Du hast aber ganz andere Pläne.

 

Naja, die Arbeit an sich mache ich schon sehr gerne, aber die Lärmeinwirkung der Maschinen macht mir auf Dauer einfach Probleme. Deswegen möchte ich gerne noch was anderes machen, erstmal aber ein Freiwilliges Soziales Jahr. Von einem Ausbilder im BBW habe ich von einem spannenden Projekt in Ruanda erfahren. Er hatte eine Patenschaft für einen Jungen übernommen, der an einem technischen College in Ruanda eine Ausbildung zum Schreiner absolviert hat. Das hat mich total interessiert, deshalb habe ich mich erkundigt, ob ich dort mal ein Praktikum machen könnte.

 

Aus einem „kurzen“ Praktikum wurde dann nichts, stattdessen verbringst du jetzt ein ganzes Jahr in Ruanda. Wie kam es dazu?

 

Unser Ausbilder hat für mich den Kontakt zur Organisation „Friends of Ruanda“ hergestellt, dort habe ich mich dann einfach für dieses Projekt beworben. Ist doch eine einmalige Chance, sowas erleben zu können. Wenn ich erst einmal im Berufsleben stecke, kann ich nicht einfach sagen, dass ich mal für 6 Monate oder ein Jahr weg bin.

 

Hast du schon eine Ahnung, wie und wo du dort leben wirst?

 

In der Stadt Nyundo gibt es ein Haus von „Friends of Ruanda“, darin werde ich mit einer Gruppe von Abiturienten und Studierenden aus Deutschland wohnen, die ich auch schon kennengelernt habe. Natürlich ist der Standard dort ein ganz anderer, aber dadurch lernt man auch zu schätzen, was wir hier haben. Ein paar Vorkehrungen sollte man natürlich treffen, die nötigen Impfungen zum Beispiel. Ich habe mir aber auch schon ein Moskitonetz gekauft und mich informiert, was man dort essen kann und ob das Leitungswasser trinkbar ist.

 

Und ist es trinkbar?

 

Naja, man sollte es besser abkochen. Aber sonstige Lebensmittel kann man dort sehr gut auf dem örtlichen Markt einkaufen, das möchte ich möglichst oft tun. Die Bananen dort sollen auch super sein, besonders freue ich mich darauf, das Handeln und Feilschen zu lernen.

 

Nun hat Ruanda ja eine besondere Geschichte, noch vor 25 Jahren gab es dort einen Völkermord der Gruppe der Hutu an der Tutsi-Minderheit im Land. Beschäftigt dich sowas?

 

Ja klar, gerade weil ja dort viele Menschen leben, die noch ihre Erinnerungen an diese schlimme Zeit haben. Ich habe aber auch gelesen was alles getan wird, um so etwas in Zukunft zu vermeiden. Interessant finde ich die sogenannten „Versöhnungsdörfer“, in denen die Täter mit den Hinterbliebenen der Opfer friedlich zusammen leben.

 

In Ruanda wirst du an Schulen Deutsch- und Englischunterricht geben. Musst du dafür nicht auch die traditionelle Sprache der Einwohner sprechen?

 

In den Städten Ruandas wird Englisch und Französisch gesprochen, mir wurde aber von der Entsendeorganisation empfohlen, auch die „Ur-Sprache“ zu lernen, um mich besser zu integrieren. Die Sprache heißt Kinjaruanda und ich habe den Lernstoff dazu bereits per Mail bekommen. Zusätzlich werde ich mir noch ein Wörterbuch kaufen, aber wie es mit der Aussprache funktioniert, erfahre ich wohl erst vor Ort.

 

Worauf freust du dich bei diesem großen Abenteuer denn ganz besonders?

 

Mit einer kleinen Gruppe von 10 bis 15 Schülern werde ich in Nyondo ein Kunstprojekt durchführen. Ich zeichne und bastel sehr gerne und meine Ausbildung kommt mir dabei auch sehr entgegen. Das Projekt wird dann gleichzeitig mein Abschlussprojekt für das 2. Halbjahr sein.

 

Auch wenn es noch lange hin ist: Hast du schon Pläne, wie es für dich nach deiner Zeit in Ruanda weitergeht?

 

Wenn ich aus Afrika zurückkehre, würde ich gerne eine Ausbildung zum Jugend- und Heimerzieher machen. Da könnte ich dann meine Erfahrungen aus meiner ersten Ausbildung einfließen lassen und hätte trotzdem noch den sozialen Aspekt in meiner Arbeit. Die Ausbildung dazu würde ich gerne in meiner Heimat machen, aber zum Arbeiten wäre es schon klasse, zurück ins BBW zu kommen und meine ehemaligen Ausbilder als Kollegen zu haben.

Die Angebote des Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) richten sich an Menschen, die sich beruflich qualifizieren möchten. Insbesondere aber an Menschen, die bei der Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt benachteiligt sind: durch Lernbehinderungen, psychische oder soziale Beeinträchtigungen. Im BBW lernen die Betroffenen, mit ihren vermeintlichen Schwächen umzugehen und ihr Selbstwertgefühl, sowie ihre sozialen Kompetenzen zu stärken.

 

 

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