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Handeln mit Augenmaß – Wie eine Wohngruppe die Coronazeit meistert

VOGT – Corona verändert den Alltag und verunsichert – auch in den Wohnheimen der Stiftung Liebenau. Vertraute Abläufe fallen weg, Masken verdecken die Mimik, Nähe birgt ein Risiko in sich. Corona-Schutzmaßnahmen sind eine Herausforderung für Menschen, die aufgrund einer Behinderung nicht oder nur schwerlich verstehen können, was da geschieht. Was heißt Verantwortung in solchen Krisenzeiten? Für Holger Trebitscher, Hausleiter des sozialtherapeutischen Wohnheims St. Helena in Vogt, bedeutet es vor allem „Handeln mit Augenmaß”.

„Verantwortlich handeln heißt zu fragen: Wie schaffen wir es, dass bei allem, was an Sicherheitsvorkehrungen notwendig ist, Zuwendung und Nähe nicht zu kurz kommen?”

Quarantäne war für alle extrem belastend

In einem Sozialtherapeutischen Wohnheim tragen die Mitarbeitenden immer ein hohes Maß an Verantwortung. Sie kümmern sich um Menschen, die eine umfassende Begleitung brauchen. Manche von ihnen zeigen ein besonders schwieriges Verhalten, andere befinden sich auf einem niedrigen sozio-emotionalen Entwicklungsstand. Verantwortung bedeutet hier oft auch, unangenehme Maßnahmen bis hin zur Einschränkung von Freiheit durchzusetzen. Ein Corona-Ausbruch in einer der beiden Wohngruppen von St. Helena hat diese Situation Anfang 2021 drastisch verschärft.

 

Eine solche Zeit möchte das Team nicht noch einmal durchstehen müssen. „Die Quarantäne war für alle extrem belastend”, berichtet Holger Trebitscher. Auch als die Infektion längst ausgestanden war, wirkte die Verunsicherung nach. Manche Bewohner zeigten noch Wochen nach der Quarantäne in Einzelfällen ein Krisenverhalten, das auf die emotionalen Belastungen jener Zeit zurückzuführen ist. „Menschen reagieren oft zeitversetzt auf Brüche in ihren Strukturen”, erklärt Christian Paßenheim, Leiter der betroffenen Wohngruppe.

 

Lebensrhythmus hat sich schlagartig verändert

Der Lebensrhythmus der vier infizierten Bewohnerinnen und Bewohner hatte sich damals schlagartig verändert. Sie durften ihre Zimmer nicht mehr verlassen, mussten dort auch allein essen und konnten nicht mehr an tagesstrukturierenden Angeboten teilnehmen. Erschwerend kamen individuelle Besonderheiten hinzu: Einer von ihnen hat eine Autismusspektrumsstörung und einen ausprägten Bewegungsdrang. Er braucht eine berechenbare Tagesstruktur und die Möglichkeit, sich täglich auszupowern. Ein anderer bekam Panik, wenn seine Hustenanfälle mit Atemnot einhergingen. Eine weitere Bewohnerin ist wie ein Kind auf die Nähe einer Bezugsperson angewiesen.

 

Kurzum: Die Quarantänezeit erforderte einen ständigen Balanceakt zwischen dem Infektionsschutz und den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen. „Unsere Arbeit lebt von Beziehung. Verantwortlich zu handeln heißt zu fragen: Wie schaffen wir es, dass bei allem, was an Sicherheitsvorkehrungen notwendig ist, Zuwendung und Nähe nicht zu kurz kommen?”, sagt Holger Trebitscher. Seine Antwort: „In der Krise braucht es einen besonders bewussten, sensiblen und individuellen Umgang mit vielen Kleinigkeiten.”

 

„Sie haben uns vertraut – bei allen Schwierigkeiten.”

Während der Quarantäne bedeutete dies zum Beispiel: Wer Nähe brauchte, bekam im Zimmer immer wieder Einzelkontaktangebote mit Büchern oder Spielen. Bei Bedarf wurde ein Babyphon oder Walkie-Talkie eingesetzt. Wer Bewegung brauchte, wurde gelegentlich einzeln in den Garten begleitet. Wer Panik hatte, wurde getröstet – allerdings zeitverzögert, weil vorher die volle Schutzausrüstung angelegt werden musste. Verantwortlich handeln hieß aber auch, dass im Extremfall auf der Grundlage einer richterlichen Anordnung die Zimmertür abgesperrt werden musste – so schwer dies auch fiel. Denn nicht alle Betroffenen konnten den Sinn von Infektionsschutz verstehen. In ihrer Freiheit eingeschränkt waren auch die acht nicht infizierten Bewohner dieser Wohngruppe. Sie mussten zwar nicht in ihren Zimmern, aber zur Quarantäne im Bereich der Wohngruppe bleiben – ohne Besuche von Angehörigen, ohne Spaziergänge. In dieser kräftezehrenden Zeit trieb eine zusätzliche Sorge die Mitarbeitenden um: Manche bangten wegen Vorerkrankungen um die eigene Gesundheit, andere um Familienangehörige mit Risikofaktoren.

 

Das Team in St. Helena hat diese Krise gemeistert – mit einem guten Zusammenhalt untereinander, mit umsichtigen Lösungen und mit Hilfe von Erfahrungswerten aus anderen Wohngruppen. „Profitiert haben wir auch von den guten Beziehungen zu unseren Bewohnerinnen und Bewohnern”, sagt Christian Paßenheim. „Sie haben uns vertraut – bei allen Schwierigkeiten.”

 

 

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