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Technik als Brücke zum Menschen

MECKENBEUREN-LIEBENAU – Experten warnen häufig, dass zu viel Mediengebrauch für Kinder schädlich ist. Da sitzen Kinder und Jugendliche stundenlang vor dem Bildschirm, spielen oder treffen im Internet auf Dinge, die sie völlig überfordern. Die Bildschirmzeit kann verhindern, dass soziale Fähigkeiten geübt und gelernt werden. Dennoch gibt es auf den Kinder- und Jugendstationen der St. Lukas-Klinik seit einigen Monaten iPads. Und vorwiegend positive Erfahrungen. Sie zeigen: Mit einem iPad lassen sich viele sinnvolle Dinge tun, und vor allem lässt sich mit dem iPad auch viel gemeinsam tun.

Das iPad kann im Stationsalltag oft eine große Hilfe für alle sein.

So einfach ist das: iPad hinhalten – Dominik tippt und sucht die Farbtafel – „Orange!“

Der "Book creator" macht's möglich: Jan versteht, wie das mit dem Taxifahren funktioniert.

Kreativ sein

Da ist zum Beispiel die angehende Heilerziehungspflegerin, die für ihr Oberkursprojekt mit Kindern der Tagesklinik einen tollen Film über Pauli Fauli – das Stationshaustier – gedreht hat. Die Kinder hatten viel Freude, sich gemeinsam eine Geschichte auszudenken und zu überlegen, wie sie die einzelnen Szenen umsetzen wollen. Das iPad hat es ihnen leicht gemacht: Einige Szenen haben die Kinder selbst gespielt und mit der Videofunktion des iPads aufgenommen. Mit einer Trickfilm-App haben sie mit kleinen Figuren Filmsequenzen erstellt und aus vielen Fotos ganz einfach eine Stopp-Motion-Szene gemacht. Das Schneiden und das Vertonen der einzelnen Filmteile gingen dann fast schon von allein. Die Kinder waren richtig stolz darauf, ihren Film stilecht mit Eintrittskarten und selbst gemachtem Popcorn präsentieren zu können. Und ohne es zu merken, hatten alle ganz viel nebenbei gelernt: wie Zusammenarbeit funktioniert und dass beim Filmemachen auch manchmal „geschummelt“ wird.

 

Lernen

Samuel (Name geändert) konnte mit zwölf Jahren noch nicht lesen, dabei wünschte er es sich so. Aber jedes Mal, wenn in seiner Schule jemand mit ihm üben wollte, bekam er Angst und lehnte in seiner Not alles ab. Er wollte sich nicht blamieren, wollte auf gar keinen Fall einen Fehler machen. Der Druck auf ihn wurde immer größer. In der Tagesklinik konnten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter langsam herantasten und sich viel Zeit nehmen. Die normalen Lese-Lernordner waren abschreckend, die kannte Samuel schon von der Schule. Er war überzeugt, dass könne er nie schaffen. Auf das iPad war Samuel zuerst nur etwas neugierig, aber mit einem Deal wurde er gewonnen: Üben und dafür ein Spiel auf dem iPad spielen. Und so wurde jeden Tag gemeinsam Silbe für Silbe mit einem Lese-Lernprogramm geübt. Fehler sind trotzdem passiert und einfach war es nicht, aber Samuel hat durchgehalten und ist drangeblieben. Auch an Schlechte-Laune-Tagen bestand er immer auf seinem Lese-Lerntermin. Jetzt – nach einigen Monaten – kann er es noch gar nicht richtig glauben und ist ganz überrascht, wenn er im Alltag irgendwo ein Wort ganz alleine liest. So wurde beim Lernen etwas Neues ausprobiert, und das iPad hat geholfen, die Hürde der Versagensangst zu überwinden.

 

Sich mitteilen

Dominik (Name geändert), ist Autist, er hat Schwierigkeiten zu sprechen und findet oft seine Wörter nicht. Seine Wünsche kann er deshalb nicht äußern. Er ist meist lieber für sich, mag es ruhig und ist ein großer Pfeifenputzer-Fan. Er zeigt jeden Morgen auf die Tür des Kunstateliers, und man weiß: Jetzt möchte er sich seinen Pfeifenputzer für den Tag aussuchen. Den verbiegt er dann kunstvoll und dreht ihn zwischen seinen Fingern. Als Dominik mit seinem neuen iPad in die Tagesklinik kam, lag es oft neben ihm auf dem Sofa und Dominik drückte willkürlich darauf herum. Mit dem eigens installierten Sprachprogramm wusste er nicht so richtig etwas anzufangen. Auch seine Familie war ratlos und unsicher; die Schulung im Familientrubel hatte nicht ausgereicht.

 

Und so hieß es für die Mitarbeitenden erst einmal Selbststudium. Wie funktioniert sein Sprachprogramm überhaupt? Was kann man damit machen? Und am wichtigsten: Wie schaffen wir es, dass Dominik sein iPad überhaupt zur Kommunikation nutzt? Die Pfeifenputzer haben das Team dabei ein großes Stück weitergebracht. Damit Dominik seinen Wunsch nach einem Pfeifenputzer mit seinem Sprachprogramm morgens selbst sagen konnte, wurde ein Foto davon gemacht und mit seinem Sprachprogramm ein „Hotspot“ hinzugefügt. Jetzt konnte Dominik auf das Foto mit dem Pfeifenputzer tippen, und das iPad sagte das passende Wort. Ab dem Zeitpunkt war morgens im Flur ein richtiges Gespräch zu hören. „Guten Morgen, Dominik!“ – iPad hinhalten – „Pfeifenputzer!“ – „Oh, dann schließ ich dir mal das Atelier auf. Welche Farbe möchtest du?“ – iPad hinhalten – Dominik tippt und sucht die Farbtafel – „Orange!“ Und ein fröhlicher Junge sprang mit seinem orangenen Pfeifenputzer durch den Flur in die Tagesklinik.

 

Für Außenstehende eine Kleinigkeit, für Dominik der Anfang zu verstehen, dass Kommunizieren Sinn hat. Vorher mussten alle über sein Pfeifenputzer-Ritual Bescheid wissen, damit für ihn der Start in den Tag gelingen konnte. Jetzt kann er sich verständlich machen. Das Auf-den-Boden-Schmeißen, das frustrierte Schreien oder Sich-selbst-in-die-Hand-Beißen kommt nicht mehr so oft vor.

 

Bücher schreiben

Manche Kinder lieben Bücher. Bücher über Feuerwehrautos, über Ritter oder über Einhörner. Bücher über Alltagsthemen oder auch Bücher, die Kindern einfühlsam erklären können, wie das mit dem Streiten und dem Vertragen ist. Was aber, wenn ein Kind wie Jan (Name geändert) ganz andere Fragen an die Welt hat? Jan ist auch Autist. Er kann sprechen und beobachtet alles. Er stellt viele Fragen und kann die Erklärungen oft nur sehr schwer verstehen. Und so fragt er immer wieder die gleichen Sachen. Oder er schreit und haut, weil die ganze Welt so unverständlich für ihn ist. Jan liebt den BookCreator. Mit dieser iPad-App kann man ganz individuelle Bücher erstellen. Man kann Fotos, Texte und kleine Sprachnachrichten einfügen. Und das Beste ist: Der BookCreator kann diese Bücher immer und immer wieder vorlesen. Und so hört und sieht Jan sich seine Bücher immer wieder an und jedes Mal scheint es, als verstehe er ein bisschen mehr von dem, was das Programm ihm vorliest. So ergeben die Dinge für ihn mehr Sinn.

 

Mit dem iPad und für Jan sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tagesklinik nun auch Kinderbuchautoren geworden. Ihre Bücher erklären Jan, wie das mit dem Taxifahren funktioniert, dass man nach dem Tag in der Tagesklinik seine Schuhe anzieht, seine Tasche nimmt und dann zum Taxi geht. Und manchmal, wenn es Jan schwerfällt, nach einem schönen Tag nach Hause zu fahren, dann zeigen wir ihm sein Taxibuch. Und er versteht, auch wenn es schwerfällt: Jetzt ist es Zeit, die Schuhe anzuziehen. So sind die Dinge hier in der Tagesklinik. Die Dinge bleiben gleich, es steht ja so in seinem Buch und das ist doch irgendwie beruhigend, oder?

 

Das iPad als Werkzeug

Das iPad kann im Stationsalltag oft eine große Hilfe sein, wenn es als das betrachtet wird, was es ist: Ein Werkzeug, eine Art „Schweizer Taschenmesser“. Es lässt sich unterschiedlich einsetzen, und es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken. Wie es eingesetzt wird, hängt stark davon ab, was die jungen Patienten brauchen. Und natürlich von der Neugier und Experimentierfreude der Mitarbeitenden und ihrer Offenheit, Technik als eine Möglichkeit zu sehen, mit der man helfen und unterstützen kann. Dann ist der Mensch im Mittelpunkt und die Technik eine Verbindungsbrücke.

 

 

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