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„Arbeit ist nur ein anderes Wort für Teilnahme und Teilhabe“

RAVENSBURG – Prominenter Gast beim Auftakt der Veranstaltungsreihe „Stiftung Liebenau im Dialog“: Franz Müntefering, ehemaliger Vizekanzler und früherer SPD-Parteichef, hat im Ravensburger Berufsbildungswerk vor zahlreichen Zuhörern über die Zukunft der Arbeit im Zeichen der Digitalisierung gesprochen. Ein anschließendes Podiumsgespräch widmete sich weiteren Aspekten rund ums „Arbeiten 4.0“: Fachkräftemangel, soziale Gerechtigkeit, demografischer Wandel und die gesellschaftspolitische Aufgabe, auch Menschen mit Benachteiligungen die Teilhabe zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Die Veranstaltung begann mit einem Impulsvortrag von Franz Müntefering zum Thema „Arbeiten 4.0“.

Der Auszubildende Malte Eisenberg sprach für die Teilnehmervertretung des Berufsbildungswerks, er eröffnete die Veranstaltung.

Angeregte Gespräche auf dem Podium: Franz Müntefering (Mitte) mit Moderator Dr. Hendrik Groth (re.)

Heinrich Grieshaber, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Grieshaber Logistik GmbH und zudem Präsident der IHK Bodensee-Oberschwaben.

Heinrich Grieshaber mit Franz Müntefering.

Martina Musati, Mitglied der Geschäftsleitung der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit.

Martina Musati mit Christian Braun, Geschäftsführer des Liebenau Berufsbildungswerks.

„Arbeiten 4.0“ war das Thema bei „Stiftung Liebenau im Dialog“ mit (v. li.) Heinrich Grieshaber, Franz Müntefering, Moderator Dr. Hendrik Groth, Martina Musati und Christian Braun.

Die Teilnehmer der Auftaktveranstaltung der Veranstaltungsreihe „Stiftung Liebenau im Dialog“ mit Franz Müntefering (mitte vorn).

Machte sich im Anschluss an das Podiumsgespräch einen Einblick direkt vor Ort: Franz Müntefering mit Metall-Betriebsleiter Thomas Rapp und Auszubildendem Kevin Kius.

Viele Seiten der Digitalisierung

Beim Thema Digitalisierung spannte Müntefering einen launigen Bogen von der eigenen noch ganz analogen Kindheit auf den Straßen des Sauerlandes über den digitalen Fortschritt in Medizin und Industrie bis hin zu den „Schaltkonferenzen“ heutiger Jugendlicher bei der Kommunikation mit dem Smartphone – um sich dann zu fragen, wie das eigentlich sein wird mit dem Arbeitsmarkt der Zukunft: „Wird Arbeit fehlen, oder werden Arbeitskräfte fehlen?“ Für beide Szenarien gebe es Argumente. Auf jeden Fall aber komme es darauf an, „dass wir keinen ausschließen dürfen“. Jeder Mensch müsse seinen Platz in der Gesellschaft haben.

 

Die Bedeutung der „einfachen Arbeit“

Der Schlüssel dazu: Bildung! Aber wo fängt man hier an? Ganz vorne, wenn es nach Müntefering geht: in der Kita und in der Grundschule. „Es gibt ein Recht auf Bildung, ein Recht auf Arbeit und ein Recht, dabei zu sein und teilzuhaben.“ Und zwar in jedem Alter. Die Gesellschaft müsse sich so aufstellen, „dass alle ihren Teil dazu beitragen können“. Alle, das sind nicht nur die Akademiker: „Wir haben ein bisschen die Perspektive verloren, was die Bedeutung der ‚einfachen Arbeit‘ angeht.“ Dabei betonte er das soziale Ganze: „Wir sind alle angewiesen auf die anderen.“ Auch ein Topmanager brauche schließlich einen Friseur.

 

Menschen einbinden

Und was ist mit den „Abgehängten“, mit denen, die nicht so einfach einen Platz finden auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft? Diese Menschen müssten fördernd und fordernd eingebunden und befähigt werden, Rollen und Aufgaben in der Gesellschaft zu übernehmen. Das – so der frühere SPD-Chef – sei auch eine Frage der Würde des Menschen: „Arbeit ist nur ein anderes Wort für Teilnahme und Teilhabe.“ In diesem Zusammenhang würdigte Franz Müntefering auch die Arbeit der Stiftung Liebenau und ihres Berufsbildungswerks, vielen jungen Menschen mit besonderem Teilhabebedarf „eine Chance zu geben, die diese sonst nicht hätten“.

 

Ausbildung als Fundament

Wie das gelingt, das erklärte Christian Braun, Geschäftsführer des Liebenau Berufsbildungswerks, im anschließenden Podiumsgespräch. Es gehe darum, die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie sind, ihnen Bezugspersonen zur Seite zu stellen und so lange mit ihnen intensiv zu arbeiten, „bis es auch bei ihnen ‚Klick‘ macht“. Dabei betonte Braun den Wert einer Ausbildung über das rein Fachliche hinaus. Durchhaltevermögen und Sozialkompetenzen seien hier wichtige Punkte. Von daher sei eine Ausbildung auch in Zukunft ein wichtiges Fundament. Und, so Braun: „Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist geringer.“

 

Lebenslanges Lernen ist angesagt

Dem pflichtete Martina Musati, Mitglied der Geschäftsleitung der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit, bei: „Ausbildung ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit.“ Klar sei aber auch: „Einen Beruf und einen Arbeitgeber bis zur Rente – das wird es nicht mehr geben.“ Stattdessen laute die Devise: „Wir müssen und dürfen lebenslang lernen“.

 

Hohe Arbeitslosenquote unter Ungelernten

Moderator Dr. Henrik Groth, Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung, lenkte die Diskussion auf die Region vor Ort und deren derzeit sehr gute Arbeitsmarktlage. Eine „heile Welt“ im Südwesten? Auch in Baden-Württemberg gebe es Langzeitarbeitslose, so Martina Musati. Zwar herrsche bei uns im Land insgesamt nahezu Vollbeschäftigung, unter den Ungelernten betrage die Arbeitslosenquote jedoch zehn bis 15 Prozent, rechnete sie vor. Daher müsse man nun verstärkt auf diese Menschen schauen, die unqualifiziert sind und ohne Schulabschluss dastehen. Genug Geld für berufliche Qualifizierung sei da, meinte Musati.

 

„Arbeiten 4.0: vier LKW, null Kraftfahrer“

Und was ist mit dem Stichwort Fachkräftemangel? Wie sind hier die Erfahrungen? Wie Heinrich Grieshaber, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Grieshaber Logistik GmbH und zudem Präsident der IHK Bodensee-Oberschwaben, berichtete, sei es hier in der Region bereits heute ein großes Problem, Arbeitskräfte zu bekommen. „Bei uns bedeutet Arbeiten 4.0: vier LKW und null Kraftfahrer.“ Mögliche Konzepte neben dem Abbau gesetzlicher Hürden: weitere Potenziale erschließen und etwa den beruflichen Wiedereinstieg noch besser fördern.

 

Duale Ausbildung nicht vernachlässigen

Franz Müntefering mahnte schließlich in dem Podiumsgespräch noch an, in Arbeitsmarktfragen europäischer zu denken. Auch er verwies auf das lebenslange Lernen, zugleich als gelernter Industriekaufmann aber zudem auf eine Stärkung der dualen Ausbildung.

 

Spende für Jobcoach-Projekt

Einen konkreten Beitrag, um Menschen mit besonderem Teilhabebedarf den Einstieg ins Berufsleben nachhaltig zu sichern, leistet Siegfried Gebhart mit seiner gleichnamigen Stiftung: Er überreichte zum Abschluss der Veranstaltung eine Spende von 27.000 Euro für ein neues Jobcoach-Projekt im Berufsbildungswerk.

 

 

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Pressekontakt:

Stiftung Liebenau
Abteilung Kommunikation und Marketing
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