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Über das Leben, wie es in Wirklichkeit ist

von Prälat Michael H. F. Brock – Es wird gelebt und gestorben. Es wird geherrscht und beherrscht. Es wird gesungen und gelacht. Unbeschwert liegen wir einander in den Armen im Tanz des Lebens und straucheln und hadern. Wir ziehen Grenzen und grenzen uns ab. Wir überschreiten Grenzen, weil wir Freiheit erspüren wollen und Grenzüberschreitungen die Würze des Lebens sind. Wir sind gesund und sterben doch. Wir sind verzweifelt in Krankheit und erleben Gemeinschaft und Einsamkeit manchmal am selben Tag. Wir sind Menschen auf dem Weg zwischen Geburt und Tod.

Manche versuchen, sich im Leben zu schützen und die Spanne zwischen Geburt und Tod unbedingt zu verlängern, und klammern sich an so ziemlich alles, was man am Ende doch loslassen muss. Besitz, Macht, Einfluss, Egoismen. Alles stirbt am Ende. Andere haben die Weisheit, einfach und achtsam durchs Leben zu gehen. Sie sorgen sich, nichts zu zertrampeln. Keine Blume am Wegesrand und auch keinen Menschen. Manche haben den Versuch, wirklich Mensch zu sein, schon aufgegeben, weil sie nicht begreifen können, was das Leben wirklich ausmacht.

 

Manche streben nach Dingen, die es gar nicht gibt. Perfektion zum Beispiel. Sie ist dieser Schöpfung nicht eigen und keine anzustrebende Wirklichkeit für einen Menschen, weil wir Menschen zur Perfektion nicht veranlagt sind. Wege zu gehen, das vermögen wir. Ideen zu kreieren, das vermögen wir, und ihnen nahe zu kommen. Menschlichkeit zum Beispiel. Und viele meinen damit eine Art Gerechtigkeit, die jedem widerfahren möge. Und doch scheitern wir ständig. Weil unsere Kraft begrenzt ist, unsere Einsichtsfähigkeit und auch unsere Begabungen sind begrenzt. Wir laden uns gegenseitig haufenweise Verantwortung auf die Schultern und sind gar nicht fähig, ihr immer und in jedem Augenblick gerecht zu werden. Am Ende hoffen wir, nicht allzu sehr bestraft zu werden für unsere Fehler, und bemerken den Denkfehler nicht. Die Auswirkungen sind immens.

 

Wir versuchen, uns voreinander zu verbergen. Keiner soll unsere Grenzen kennen und unsere Fehler entdecken. Keiner soll die Mangelverwaltung an Kraft, Einsicht und Güte entdecken. Macht zu besitzen, ist ein gute Festung. Oder Arbeit. Ich erlebe Menschen, die verzweifelt im Hamsterrad ihrer Arbeit immer schneller, immer effizienter, immer beschäftigter erscheinen, und sie lenken doch nur davon ab, einfach Mensch sein zu wollen, der auch in seiner Begrenztheit angenommen und wertgeschätzt bleibt. Ich plädiere dafür, dem Perfektionismus unter uns eine Absage zu erteilen. Damit aber auch allen Versuchen, sich abgrenzen oder verstecken zu müssen. Oder gar uns ständig dafür rechtfertigen zu sollen, nicht fehlerlos leben zu können. Es sind die Gedanken an Bestrafung und Belohnung, die uns einander unmenschlich machen.

 

Mich tröstet der Gedanke und lässt mich freier atmen, dass mein Leben zu einem großen Ganzen gehört. Zeit wird relativ. Aber mein Beitrag wird unermesslich wertvoll. Weil sich mein Leben nicht nur an mir selber ausrichtet oder an den Erwartungen, die mir übergestülpt werden, sondern zu einem großen Werden und Sein gehört. Mein Beitrag, jeden Tag, bereichert die Ewigkeit, wie ich sie nenne. Es kommt also nicht immer alles auf einmal und es hängt das Wohl und Wehe des Ganzen nicht allein an mir. Aber die Ewigkeit nimmt meinen Beitrag jeden Tag behutsam in sich auf, ohne zu belohnen, aber auch ohne zu strafen. Ich glaube, dass im Ganzen nichts verloren gehen kann, und ich glaube, dass im Werden des Lebens eine ganze Menge geheilt werden kann, wenn wir uns denn als ein Teil der Ewigkeit verstehen, die keine Festlegungen kennt.

 

Das hat Konsequenzen: Legen wir einander nicht fest. Das Leben tut es nicht, warum sollten Menschen es dürfen. Bauen wir keine Verteidigungsfestungen um uns herum, um ja nicht entdeckt zu werden. Weil es darum im Leben nicht geht. Ganz im Gegenteil. Erst wenn wir einander zur Entdeckung werden, wenn wir aufeinander neugierig sein dürfen, beginnt ein Leben, das sich nach vorne ausrichtet oder sich eben an der Ewigkeit orientiert. Auch wenn auf dem Weg dorthin Fehler gemacht werden. Wie es gelingen kann, das Leben? Verstehen wir das Leben eben nicht als Mangelverwaltung. Wir sind nicht definiert über unsere Begrenzungen und Schwächen. Die Begrenzung ist einfach Teil unseres Menschseins und gehört zu unserer Natürlichkeit. Das zu leugnen wäre unmenschlich. Definieren wir uns lieber über das Werden und Teilen. Weil wir ein Teil des Ganzen, also der Ewigkeit, sind, sollte es uns eigentlich leichtfallen.

 

Teilen wir einander das Leben. Jeder Mensch das, was er beitragen kann. Dabei darf sich ein Jeder und eine Jede auch entwickeln. Wir dürfen unterschiedliche Rollen einnehmen, und die Fähigkeiten und Begabungen und auch der Grad an Verantwortung dürfen unterschiedlich sein. Das ist ja gerade der Reiz geteilten Lebens, dass nicht jeder und jede den gleichen Teil einzunehmen und einzubringen hat. Fehler werden auf dem Weg dann immer Anlass zum Innehalten werden, und Neuorientierung verändert auch die Ewigkeit in jedem Augenblick. Werfen wir einander das Leben nicht vor. Denn vorwurfsvolles Leben bleibt am Ende immer am Wegesrand liegen als ein Teil verworfenen Lebens. Aber geteiltes Leben hat die Chance, einander das Leben zu bereichern. Und das Schönste ist: Es ist am Ende des Lebens eben nicht einfach vorbei. Es bleibt auch im Augenblick des Todes ein Teil des Ganzen, oder wie ich es nenne: Teil der Ewigkeit.

 

 

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