S.M. Christine Daniela Jedinger trat schon mit fast 16 Jahren in die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Karl Borromäus ein, besuchte zunächst als so genannte „Schulkandidatin“ die Krankenpflegeschule und begann anschließend mit der eigentlichen Ordensausbildung, auf die 1989 die Ewige Profess folgte. Nach langjähriger Arbeit in der Betreuung und Pflege älterer Menschen im ordenseigenen St. Carolusheim in Wien ist Sr. Christine Daniela seit 2003 Mitglied der Ordensleitung und seit 2015 Generaloberin.
Die Kongregation der Borromäerinnen gibt es schon seit dem 17. Jahrhundert. Sie wurde gegründet mit dem Auftrag, „Arme und verlassene Kranke aufzusuchen, dieselben zu pflegen, mit Almosen zu unterstützen, sie zu trösten und ihnen den Empfang der heiligen Sakramente zu vermitteln, kurz für alle ihre Bedürfnisse nach Möglichkeit Sorge zu tragen.“ Diesen Auftrag erfüllen die Schwestern bis heute – wie sieht Ihre Tätigkeit heute aus?
Unser konkreter Sendungsauftrag heute umfasst den barmherzigen Dienst in der Pflege und Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner im St. Carolusheim und vor allem auch an den eigenen älteren Mitschwestern, Erhaltung und Leitung zweier Kindergärten (Wien und Grieskirchen), des weiteren sind Schwestern tätig in Haushalt, Sakristei, Verwaltung und in der Ordensleitung.
Die meisten Schwestern befinden sich heute im Pensionsalter. Jedoch wollen sie von Ruhestand nichts wissen, sondern tun, was sie können und unterstützen mit den vorhandenen Fähigkeiten in vielfältiger Weise Arme, Kranke, Verlassene unserer Zeit, wie es unserem ursprünglichen Sendungsauftrag entspricht. War es früher mehr durch tatkräftige Hilfe, so ist es heute mehr durch Begleiten, Trösten und vor allem durch Gebet.
In Österreich sind die Borromäerinnen unter anderem im Sozialzentrum Kloster Nazareth tätig. Was sind die Aufgaben der Schwestern dort?
Im Sozialzentrum Kloster Nazareth leben drei Schwestern in fortgeschrittenem Alter. Zwei davon waren jahrzehntelang als Diplomkrankenschwestern im Krankenhaus tätig. Mit ihrer reichen Erfahrung können sie dem weltlichen Pflegepersonal mit Hilfe und Rat zur Seite stehen, soweit es gewünscht ist. Sie begleiten mit Liebe und Gebet die Schwerkranken des Hauses und tragen Sorge, dass ihnen die heiligen Sakramente gespendet werden. Die dritte Schwester, ehemalige Handarbeitslehrerin der Privat-Mädchen-Hauptschule Stadl Paura, bietet wöchentliches Stricken an und gemeinsames Rosenkranzgebet für die Bewohnerinnen und Bewohner des Sozialzentrums. Alle drei Schwestern feiern täglich die Heilige Messe, entweder im Haus, auswärts oder über den Fernsehsender KTV, beten in großer Treue das kirchliche Stundengebet in der Hauskapelle, wozu jeder eingeladen ist mitzubeten, und sind so ein Segen für das Haus und die ganze Welt.
Gerade die seelsorgliche Begleitung von Seniorinnen und Senioren ist unseren Schwestern ein großes Anliegen. Mit viel Einfühlungsvermögen gehen sie auf die Menschen zu, achten ihre Wünsche und Bedürfnisse und laden zum gemeinsamen Gebet und zum Empfang der Sakramente ein. Da sie sich trotz Krankheit und körperlicher Schwächen noch gebraucht und erwünscht fühlen, sind sie gerne bereit, diesen Dienst weiterhin zu erfüllen.
In den Pflegeheimen treffen Sie sowohl bei den Bewohnern als auch bei den Mitarbeitern auf Menschen anderer Konfessionen und Religionen. Wie erleben Sie diese Begegnung?
Die verschiedenen Konfessionen und Religionen sind eine gegenseitige Bereicherung, besonders wenn gelegentlich eigene Glaubenserfahrungen mitgeteilt werden. Jeder Mensch ist einmalig und überaus kostbar.
Gibt es etwas, was Sie uns darüber hinaus sagen möchten?
Ich möchte Danke sagen für die große Wertschätzung allen Bewohnern, Mitarbeitern und unseren drei Schwestern gegenüber.
Als es ums Einrichten des neuen Wohnheims der Liebenau Kliniken in Vogt ging, war für Hausleiter Holger Trebitscher klar: „Wir brauchen ein Kreuz.“ Denn das Kreuz als Symbol des Christentums „steht für die Werte und die Haltung, die auch die Stiftung Liebenau vertritt“, wie er sagt. Schnell waren sich Holger Trebitscher und Daniela Wengert, die fürs kreative Arbeiten in der Förderwerkstatt zuständig ist, einig, dass es ein besonderes Kreuz sein sollte: eines, das zu den 24 Bewohnern des Hauses passt. Gesagt, getan: Daniela Wengert suchte zuerst nach Ideen und dann nach deren Umsetzbarkeit: „Ich ging in den Holzraum und schaute, was wir da haben“, erzählt sie.
Gemeinschaftsarbeit aus Holzresten
Aus den Holzresten, die sie vorfand, entstand das Kreuz – unter Mitwirkung einiger Heimbewohner. Sie sägten die Holzstücke an der Gehrungssäge zurecht und übernahmen Schleifarbeiten wie beispielsweise das Kantenbrechen. So wurde eine Gemeinschaftsarbeit daraus, zu der die Beteiligten im Rahmen ihrer Fähigkeiten etwas beitragen konnten.
Lebendige Strukturen
Auf einer Schablone aus Pappe wurden die Einzelteile zusammengefügt. Dabei sollte jedes Holzstück seine Eigenheit behalten. So durften die einen Holzstücke getrost etwas dünner oder breiter sein als die anderen. Am Ende fügten sie sich zu einer lebendigen Struktur zusammen. „Wir versuchen, dies in unserem Haus zu leben und alle Bewohner so zu nehmen wie sie sind. Natürlich müssen sie sich auf das Sozialgefüge einlassen. Aber sie müssen sich dabei nicht verbiegen“, erklärt Daniela Wengert.
Groß und doch unaufdringlich
Für sie steckt in diesem Holzkreuz sehr viel Symbolik: „Ich sehe darin die Vielfalt der Persönlichkeiten, die in ihrer Buntheit in diesem Haus zusammenleben. Hier sind Menschen mit ausdrucksstarken und mit zurückhaltenden Charakteren. Gemeinsam sind wir stark – so wie auch dieses Kreuz eine kräftige Form hat.“ Damit es den Raum nicht überlagert, hat es Daniela Wengert mit Wasserfarben bemalt. Dadurch behält es trotz seiner Größe und Buntheit auch einen zarten, unaufdringlichen Charakter – passend zur Gesamtsymbolik. „Das Sympathische dieses Holzkreuzes ist, dass es Vielfalt in allen Bereichen darstellt“, sagt Holger Trebitscher.
Herr Brock, was macht eine christliche Stiftung aus?
Darauf gibt es viele Antworten – je nachdem, welches Verständnis von Christlichkeit Sie zugrunde legen. Denkt man eher an Volksfrömmigkeit? An den institutionellen Rahmen? An bestimmte Glaubenssätze? Ich meine: Es ist das Menschenbild, die Haltung, die ihre Handlungen prägt.
Wie passt das zum Auftrag der Stiftungsgründer, die Stiftung sei „hervorgegangen aus der freithätigen, christlichen Liebe, (...) und (solle) stets auf katholischer, kirchlicher Grundlage ruhen“, wie es in derSatzung heißt?
Das war gut im Sinne der damaligen Zeit formuliert. Es basiert auf der großen christlichen Botschaft: Liebe und tu, was du willst. Jede Generation muss nun für sich neu entscheiden, wie sie diesen Auftrag verwirklicht. Bedenken Sie, wie sich in den letzten Jahrzehnten unsere Gesellschaft und auch die Mitarbeiterschaft der Stiftung verändert haben. Inzwischen ist im Geiste unseres Glaubens der Mensch als eigenständige Persönlichkeit emanzipiert, übernimmt für sein Leben die Verantwortung und will prüfen und selbst entscheiden, welcher Weg glaubwürdig ist? Welch beeindruckende Entwicklung! Die Verantwortung für das richtige Handeln wird nicht mehr delegiert. In der Stiftung Liebenau arbeiten inzwischen mehr als 7500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Denen schreiben wir Gott sei Dank nicht vor, was sie glauben sollen. Aber wir können uns darüber austauschen und gemeinsam entscheiden, wie wir als Gemeinschaft handeln wollen. Anders gesagt: Wir übersetzen das, was unsere Väter geglaubt haben, in Haltung.
Woran orientieren Sie sich dabei?
„Orientieren“ ist ein schönes Wort. Schauen Sie, es geht ja doch darum, wie wir mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen, um unserem Auftrag gerecht zu werden. Was ist die gemeinsame Basis, auf der wir möglichst viele Menschen mitnehmen können? Religionsvollzüge? Katholisch - evangelisch? Wohl doch eher trennend als vereinend. Also kaum dienlich. Unsere Erfahrung der letzten Jahre zeigt auf beeindruckende Weise, dass die ORIENTierung auf den Menschen Jesu von Nazaret ein guter Weg ist. Sozusagen den Blick in den Orient zurück an die Wurzeln des Christentums. Wir stellen in den Fokus: Jesus von Nazaret mit seiner Botschaft und seinem Handeln und seiner Art und Weise, wie er mit seinem Gott den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Spannend und auffällig ist ja auch, dass dieser Jesus seinen Mitmenschen die Frage nach dem Glauben nie als Bedingung für seine Zuwendung stellte. Er handelte und ermutigte zum Handeln. Konkret forschen wir nach, was wir bei Jesus von Nazaret über seine Haltung finden. Dafür gibt es speziell in den Evangelien viele Quellen. Die können wir auch für relativ authentisch halten, jedenfalls immer dann, wenn wir die Traditionen wissenschaftlich wegschälen, um den historischen Jesus zu entdecken. In der Nachfolge Jesu wollen wir dann unsere Haltung und unsere Handlungen leben – als Einzelne und als Organisation.
Wie würden Sie die Haltung Jesu und sein Handeln beschreiben?
Grundlegend für seine Haltung und das dahinter liegende Menschenbild ist das neue Gottesverständnis, das Jesus in seine Zeit gebracht hat. Denken Sie an die verschiedenen Religionen damals: Die vielen Götter der Griechen und Römer, die der Ägypter, der strenge Gott der Israeliten – bei allen war der Zugang zu Gott elitär, eingeschränkt und verstellt durch Gebote und Regeln. Wir hören immer wieder über die Weisungen der Väter. Jesus hat diese Schranken eingerissen. Ihm geht es um Öffnung, nicht um Ab- oder Ausgrenzung. Er hat den Menschen Gott nahegebracht. Es gibt keinen Gott bestimmter Nationen, Gruppen und Eliten. Gott ist nicht ein Gott des Gerichtes, sondern er ist für alle Menschen da, und vor ihm sind alle Menschen gleich, egal ob – im biblischen Sinne – Israelit, Kind Abrahams, Heide, Priester, blind, lahm oder taub. So ist Krankheit nicht mehr eine Strafe Gottes, nicht Ausdruck einer Schuld, die jemand auf sich geladen hat. Ganz im Gegenteil. Jesus hat jeden beachtet. Jeder war es wert, stehenzubleiben und sich ihm zuzuwenden. Das war damals ein völlig neues Menschenbild, und das ist die Grundlage für unsere Haltung, unseren Umgang miteinander. Das hat mit der Würde des Einzelnen zu tun, die jede und jeder durch Gott hat, egal, in welcher Rolle oder Funktion er oder sie uns begegnet. Keiner von uns ist als Mensch mehr oder weniger wert – ob sie nun IT-Technikerin, Heilerziehungspfleger oder Vorstand sind.
Eine christliche Organisation zeichnet sich also dadurch aus, …
…dass ihre Leitlinien von dieser Haltung, diesem Menschen- und Gottesbild geprägt sind.
Und woran erkennen Sie, ob der oder die Einzelne in diesem Sinne christlich handelt?
„An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen“. Also indem ich ihm oder ihr begegne. Spüre ich, dass ich die Person wahr-nehme? Lasse ich Menschen spüren, dass ich mich für sie interessiere? Oder handle ich nur in meiner Rolle und weil es mein Auftrag verlangt?
Ein hoher Anspruch. Lässt sich das tatsächlich in jeder Begegnung durchhalten?
Natürlich nicht immer, und das verlangt auch niemand. Aber das ist wieder eine Haltungsfrage, um die es geht. Und auch wenn nicht jeder jederzeit in diesem Sinne zugewandt reagieren kann, nehme ich doch seine Grundausstrahlung wahr: Sieht der mich als Person? Oder nur meine Rolle?
Viele assoziieren mit Begriffen wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe die Vorstellung, man müsse sich „aufopfern“ für den Nächsten. Sie, Herr Brock, bringen immer wieder auch den Begriff der Selbstliebe ins Gespräch. Wie passt das zusammen?
Christliches Handeln hat überhaupt nichts mit Opfern zu tun. Jesus hat mit dem Opferkult aufgehört! Opfer zu bringen, um Gott zu gefallen, ist das Gegenteil von dem, was er gelehrt hat. Gott braucht keine Opfer. Was ist das für ein Gottesbild, das meint, Gott mit „Opfer“ manipulieren zu können? Jesus von Nazaret setzt andere Punkte. Der Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ impliziert ja, dass ich mich selbst liebe – das darf ich, denn nur dann kann ich anderen Liebe und Zuwendung geben.
Ist diese Haltung, eine Art gesunder Selbst- und Nächstenliebe, denn in der Stiftung Liebenau überall verbreitet? Oder wie erreichen Sie das?
Die Stiftung ist so gut wie die Menschen, die hier leben und arbeiten. Wir in der Leitung müssen aber auch prüfen, ob unsere Strukturen eine christliche Haltung ermöglichen und unterstützen. Das ist ein fortdauernder Prozess. Um die Auseinandersetzung damit zu fördern, veranstalten wir Fachtage, bieten Fortbildungen an, schreiben Texte. Und dazu gehört auch, dass wir immer wieder die Balance herstellen zwischen Menschlichkeit, Fachlichkeit und Wirtschaftlichkeit. Eins ohne die anderen kann es nicht geben. Das ist die Grundlage für die Stiftung Liebenau.
Welche Bedeutung kommt in diesem Rahmen speziell der Seelsorge zu?
Nach unserem Verständnis ist Seelsorge kein separates Thema, begrenzt auf bestimmte Räume oder Veranstaltungen. Seelsorge meint immer den ganzen Menschen, den wir in allen Lebenssituationen stärken und begleiten, damit sein Leben gelingt. Die Haltung, mit der wir uns als Seelsorger jemandem zuwenden, kann nicht nur auf Gottesdienste oder Seelsorgegespräche beschränkt sein.
Wofür braucht es dann die klassischen Angebote der Seelsorge?
Angebote wie Gottesdienste oder Gebete, Kirchenräume und religiöse Symbole haben ihre ganz eigene, besondere Bedeutung. Sie können Energiepunkte sein, Orientierung geben. Ich verstehe sie quasi als Geländer, die auf dem Lebensweg Halt und Struktur vermitteln können, die Heimat stiften.
Zum Schluss die persönliche Frage: Wie halten Sie es mit der Religion?
Ich kann nichts anfangen mit einer Religion als Zwang. Als etwas, das von außen verordnet wird, eine Summe von Glaubenssätzen, die man abfragen kann. Auch die zehn Gebote sind im ursprünglichen Wortsinn nicht als Vorschriften zu verstehen. Die Formulierung „du sollst“ gibt es im Althebräischen gar nicht, sie ist erst in den vielfachen Übersetzungen geschaffen worden. Man kann sie tatsächlich besser verstehen als Perspektiven, im Sinne von „du wirst“, als Verhaltensweisen, die sich von innen heraus einstellen. Ich verstehe Religion als etwas Freiwilliges, als Zuwendung, für die ich mich von innen heraus entscheide.
Wo betagte Menschen leben, ist das Sterben immer wieder Thema. Was passiert am Ende des Lebens? Was kommt auf mich zu? Wie kann ich selbstbestimmt bleiben bis zuletzt? Fragen, auf die auch Menschen mit Behinderungen nach Antworten suchen. Für Carolin Schaaf bilden sie die Basis einer individuellen Palliativversorgung. Sie möchte, dass auch Menschen mit schwersten Behinderungen bis zu ihrem Tod ein selbstbestimmtes Leben führen können.
Kraftakt für alle
„Die Sterbephase eines Bewohners oder einer Bewohnerin ist ein Kraftakt,“ sagt die Fachkraft. Und zwar für alle Beteiligten. Auch die Mitbewohner spüren die außergewöhnliche Situation. Der sterbende Mensch braucht viel Zuwendung. Dies zu ermöglichen, sei Aufgabe der Mitarbeitenden. Sie tragen parallel aber auch Sorge, dass der Gruppenalltag funktioniert. Ihr regelmäßiger Austausch im Team ist dann besonders hilfreich.
Selbstbestimmung in schwierigen Situationen
Zur Palliativversorgung gehört eine bedarfsorientierte Schmerztherapie, aber auch viele andere Möglichkeiten, das persönliche Wohlgefühl eines Sterbenden zu verbessern. Lippenbefeuchtung oder leicht Aufgeschäumtes hilft gegen schmerzhafte Mundtrockenheit, wenn jemand nicht mehr essen und trinken will und kann. Auch Körperkontakt wirkt auf die meisten beruhigend, basale Stimulation, Hand- oder Fußmassagen. Angenehm können Düfte, Musik oder auch der Kontakt mit Tieren sein. Neben der Biografie hilft Carolin Schaaf immer die Beobachtung der jeweiligen Person, um Hinweise richtig zu deuten, was gut tut und was nicht. Nur so kann das Recht auf Selbstbestimmung auch in schwierigen Situationen eingelöst werden. Wenn der Blick weggedreht wird, kann das zum Beispiel heißen, dass jemand in dem Moment keine Berührung möchte.
Persönliche Vorlieben ermöglichen
Manchmal stellte Carolin Schaaf für sterbende Bewohner ein Pflegebett in den Gemeinschaftsraum und ermöglichte ihnen so die Teilhabe am Gruppenleben. Eine Bewohnerin brachte sie im Bett unter die Bäume auf der Terrasse, damit sie ihre geliebten Vögel hören konnte. „Nirgends trifft man Menschen so ehrlich wie in der Sterbephase“, sagt sie.
Nach dem Tod wird niemand vergessen
Selbstverständlich gilt in solchen Phasen die Sorge auch weiterhin den anderen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern. Oft können sie das Geschehen nicht einordnen, sind verunsichert, was in der Folge zu Unruhe in der Wohngruppe führen kann. Diese Ängste nehmen die Mitarbeiter ernst, indem sie über das nicht fassbare Geschehnis mit ihnen sprechen. Auch müsse man ihre Vorstellungen von Tod akzeptieren und dürfe ihnen nicht eine kindliche oder die eigene Anschauung aufdrücken, meint Carolin Schaaf. In der Wohngruppe St. Pirmin hat sie einen kleinen Altar mit Kerzen und den Bildern von den Verstorbenen aufgebaut. Eine Möglichkeit der Erinnerungsarbeit, die auch den trauernden Menschen mit Behinderungen die Zuversicht gibt, nach dem eigenen Tod nicht vergessen zu werden.
Verarbeitung der Trauer
Wenn jemand gestorben ist, helfen ihr und dem Team auch die klaren Abläufe und anstehenden Aufgaben, der Austausch mit Kollegen oder die gemeinsame Abschiedsfeier in der Gruppe. Doch wie geht sie selbst mit Trauer und Belastung um? „Mich befriedigt es, dass ich das, was ich beobachtet habe, umsetzen konnte. Mir bringt es so viel, weil ich aktiv handle. Und ich bin dankbar, dass ein Leben gut zu Ende gegangen ist.“ Gewissermaßen verarbeitet sie ihre eigene Trauer bereits während der Begleitung. „Nach dem Tod bin ich zwar traurig, aber ich verarbeite das schnell.“
Das Haus der Pflege St. Vinzenz Pallotti der Stiftung Liebenau ist dem Himmel nahe: Auf einer Anhöhe nahe Immenstaad-Kippenhausen bietet es eine herrliche Sicht auf den Bodensee und ins Hinterland. Nebenan steht das geistliche Haus St. Josef Hersberg der Pallottiner. So werden volkstümlich die Mitglieder der Priester- und Brüdergemeinschaft nach ihrem Gründer, dem römischen Priester Vinzenz Pallotti, genannt. Der offizielle Name lautet: Gesellschaft des katholischen Apostolates. Die Hersberger Pallottiner hatten das Grundstück für das Haus der Pflege zur Verfügung gestellt und bei der Eröffnung des Hauses der Pflege ein Stockwerk für bis zu acht ältere Mitglieder gemietet.
Ambulante Unterstützung
„Die Leute spüren, dass Geistliche im Haus wohnen“, meint Pater Dr. Werner Weicht. Als Vizerektor der pallottinischen Gemeinschaft St. Josef Hersberg trägt er die Verantwortung für die betagten Mitbrüder. Die derzeit fünf Bewohner der Pallottiner-WG und ein weiterer Pater, der im Pflegebereich wohnt, sind in ihren Achtzigern und Neunzigern. Wie viele alte Menschen sind sie auf Unterstützung angewiesen: vom Duschen übers Ankleiden bis hin zu Medikamentengaben. Die Pflegeleistungen übernehmen Schwestern der Sozialstation St. Anna der Stiftung Liebenau. Seit September 2014 liegt auch hauswirtschaftliche Betreuung der Patres bei der Sozialstation, in einem Viererteam unter Leitung von Armin Baur.
Feste und Feiern verbinden
Es gibt einige Gemeinsamkeiten zwischen den Patres und den anderen Bewohnern: Täglich wird in der Hauskapelle Eucharistie gefeiert. Kirchliche und weltliche Feste im Jahresverlauf, werden gemeinsam begangen. Besonders festlich wird das Patronatsfest des Hauses, der Gedenktag des Hl. Vinzenz Pallotti am 21. Januar gefeiert. Wichtig in einem christlichen Haus sind die Hochfeste wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten, auf die sich die Patres zusammen mit den Bewohnern vorbereiten und freuen. Aber auch das jährliche Sommerfest dient dem Austausch, wie Pater Weicht erzählt.
Selbstverständliche Dienste
„Die Pallottiner haben keine besondere Beauftragung für die geistliche Betreuung“, sagt Pater Weicht. Dennoch übernimmt er im wöchentlichen Wechsel mit einem Mitbruder die Gestaltung der Gottesdienste. Dabei unterstützt ihn Pater Paul Hafner, der rüstigste unter den Bewohnern. Vormittags um 11 Uhr – nur mittwochs um 17 Uhr – ist katholischer Gottesdienst in der hauseigenen Kapelle. Zum Sonntagsgottesdienst kommen mehr Besucher als während der Woche, was Pater Weicht freut. Bei Notfällen wie der Krankensalbung stehen die Patres den Bewohnern und dem Mitarbeiterteam selbstverständlich zur Seite.
Unterstützung und Segen
Drei Mal am Tag schaut Pater Weicht nach den Mitbrüdern im Haus der Pflege. Nachmittags widmet er sich eine gute Stunde lang dem blinden Mitbruder im Pflegebereich, begleitet ihn beim Nachmittagskaffee und liest ihm aus Bistumsblättern vor. Bei diesen Besuchen trifft er auch auf andere Bewohnerinnen und Bewohner, mit denen er gerne persönliche Kontakte und den Austausch pflegt. Eine blinde Bewohnerin legte Wert darauf, dass er sie am Abend segnet. Das nahm er zum Anlass, allen Bewohnern den Nachtsegen zu erteilen. Über das Pflegepersonal sagt er: „Es ist gut, dass eine sehr persönliche Sorge herrscht.“ Die Mitarbeitenden würden sich jedem zuwenden. Pater Weicht fühlt sich wohl bei den Bewohnern und dem Pflegepersonal.
Bitte Schuhe ausziehen und das Smartphone ausschalten! Betritt man über ein kleines Vorzimmer den „Raum der Stille“ und befolgt diese Hinweise auf dem Schild, lässt man das geschäftige Treiben im benachbarten Foyer des BBW augenblicklich hinter sich – und stattdessen das gedimmte Licht der nur durch schmale Fenster eindringenden Sonnenstrahlen auf sich wirken.
Offen für jeden
„Wir wollten einen Raum schaffen, in dem man zur Ruhe kommen kann. Einen Ort, um sich und Gott zu begegnen“, beschreibt BBW-Geschäftsführer Herbert Lüdtke das Konzept. Ein offener und einladender Raum für jeden soll er sein, unabhängig von Religion und Konfession. Dennoch bringt er auch die christliche Prägung der Bildungseinrichtung als Teil der Stiftung Liebenau zum Ausdruck– ein dezent in die mittlere Holzstele der sanft geschwungenen Frontseite eingearbeitetes Kreuz symbolisiert dies.
Religionsunterricht, Meditationen, Trainings
Entsprechend breit aufgestellt ist der Belegungsplan: So nutzt die BBW-eigene Josef-Wilhelm-Schule den Raum regelmäßig für ihren Religionsunterricht, in der Adventszeit des vorigen Jahres gab es morgens vor Schul- und Ausbildungsbeginn ein spezielles Angebot für alle zum „Ankommen“. Ausbilder gehen mit ihren Jugendlichen zum Meditieren in den „Raum der Stille“, der Fachdienst Diagnostik und Entwicklung macht hier Trainings für die jungen Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf, und auch Yogakurse für Mitarbeitende finden statt.
Ort zum Krafttanken
Ergänzend dazu gibt es offene Angebote, um zum Beispiel in den Pausenzeiten eine Oase der Ruhe im Trubel des Ausbildungs- und Arbeitsalltags aufsuchen zu können oder einen spirituellen Ort zum Krafttanken und Besinnen zu finden.
„Was mich begeistert hat, war die Motivation vieler Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Ich habe hier viel Zuwendung wahrgenommen und gesehen, dass die Leute nicht einfach nur einen Job machen. Ich habe den Beruf des Heilerziehungspflegers als einen sehr sinnstiftenden, mit hohen Anforderungen an die Mitarbeitenden verbundenen erkannt“, schildert Müller seine ersten Eindrücke.
Über den eigenen Glauben sprechen
Als Seelsorger hat er eine besondere Rolle, wenn er mit Bewohnern und Mitarbeitenden ins Gespräch kommt. Auch bei seinen ersten Besuchen hat er das bereits erlebt, wie Menschen auf ihn zugehen. „Ich werde als Kirchenmann gesehen, dem manche mit Distanz begegnen und anderen ein wichtiger Ansprechpartner für die ganz persönlichen Anliegen ist. Auch für den eigenen Glauben, über den zu sprechen manche nur im Vier-Augen-Gespräch erlauben.“ Er sei dann oft nur Zuhörer. „Und aus Zuhören entsteht Zuwendung“, weiß Müller.
Breites Spektrum
Der Schwerpunkt seiner Arbeit, die er sich als Nachfolger von Ulrich Gebert mit seinem Kollegen Wolfgang Ilg teilt, liegt in der Leitung verschiedener Gruppen, wie zum Beispiel den Ministranten und dem Bibelkreis in Rosenharz, sowie in der Begleitung einzelner Personen. Das kann angesichts des nahenden Todes sein, in der palliativen Vorsorge, aber auch bei ganz persönlichen Anliegen. Auch Gespräche mit trauernden Angehörigen gehören zu seinen Aufgaben, sowie Beerdigungen, Gottesdienste an den Sonntagen und auf den Gruppen.
Seelsorge auch für Mitarbeitende
Gespräche führt er nicht nur mit Bewohnerinnen und Bewohnern, auch mit Mitarbeitenden: „Kein Mensch definiert sich nur durch die Arbeit, jeder hat Lebensfragen. Und einige wollen darüber sprechen.“ Zusammen mit Silvia Stephan, Fachdienst Deeskalation, entwickelt er zur Zeit ein Nachsorgekonzept für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach psychisch belastenden Ereignissen. Ab September unterrichtet er angehende Heilerziehungspfleger und Heilerziehungsassistenten im Fach Religionspädagogik am Institut für soziale Berufe in Ravensburg.
Gelingendes Leben
Für den 55-jährigen Pastoralreferenten und Diplomtheologen schließt sich mit seiner neuen Tätigkeit ein Kreis: Bevor er 19 Jahre lang die Geschäftsstelle des Dekanats Allgäu-Oberschwaben leitete, war er acht Jahre als Gemeindeseelsorger in der Seelsorgeeinheit „Zocklerland“ in den politischen Gemeinden Horgenzell und Wilhelmsdorf verantwortlich. „Ich freue mich, dass ich nun wieder ganz nah an den Menschen sein kann, in der direkten Seelsorge und noch einmal mit Motivation etwas Neues beginnen darf. Mir geht es bei der seelsorgerlichen Begleitung von Menschen um gelingendes Leben. Die christliche Botschaft bietet hier Antworten an, wie wir das Leben mit all seinen Wendungen und Brüchigkeiten annehmen und gestalten können. Und darüber spreche ich mit den Menschen, das ist alles“ beschreibt Müller seinen Ansatz.
Den Menschen zugewandt
Hohe Fachlichkeit und nachhaltige Wirtschaftlichkeit spielen in der Stiftung Liebenau eine große Rolle. Wir berufen uns in unserem Leitsatz aber genauso auf eine christlich fundierte Menschlichkeit. Das unterscheidet uns einerseits von „klassischen“ Unternehmen, sorgt aber gleichzeitig für Verständnisprobleme. Wirtschaftlichkeit und Fachlichkeit scheinen klar definiert, aber wie sieht es mit der christlichen Menschlichkeit aus? Dem wollen die Beiträge in diesem Themendossier auf die Spur kommen.
Über das christliche Handeln in der Stiftung Liebenau
"Wir übersetzen das, was unsere Väter geglaubt haben, in Haltung." - Was macht eine christliche Stiftung aus und woran orientiert man sich in der Stiftung Liebenau, wenn es um christliches Handeln geht? Das und mehr erläutert, Prälat Michael H. F. Brock, Vorstand der Stiftung Liebenau bis April 2024, im Interview - dabei darf natürlich auch die Gretchenfrage nicht fehlen.
Wo Menschen sich begegnen
Leben mit den Patres

Eine besondere Wohngemeinschaft gibt es im Haus der Pflege St. Vinzenz Pallotti. Dort leben fünf Patres der Gemeinschaft der Pallotiner. Wie ihr Alltag dort und das Zusammenleben mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern aussieht, beschreibt Pater Dr. Werner Weicht.
Mehr über die Pallottiner
Die WG der Pallottiner im Haus gibt es seit der Eröffnung des Hauses im Jahr 2004. Üblicherweise verbringen die Mitglieder der pallottinischen Gemeinschaft ihren Lebensabend in der Kommunität, in der sie zuletzt gewirkt haben. Bei besonderem Pflegebedarf stehen ihnen drei pallottinische Häusern in Deutschland zur Verfügung, darunter das Haus der Pflege St. Vinzenz Pallotti.
Ende der 1990er Jahre suchten die Stiftung Liebenau und die Gemeinde Immenstaad nach einer Möglichkeit das Angebot von Kindergarten und Mehrgenerationenhaus durch ein Haus für die Betreuung und Pflege von älteren Menschen zu vervollständigen. Den Pallottinern bot sich die Chance, auch eine Unterkunft für betagte Mitbrüder zu schaffen. Sie stellten die Fläche, auf der ehemals landwirtschaftliche Gebäude standen, für den Bau zur Verfügung. Als Gegengabe mieten die Pallottiner Wohnmöglichkeiten für acht Patres.
Gebaut wurde das Haus der Pflege von der Stiftung Liebenau. Insgesamt bietet das Haus St. Vinzenz Pallotti 30 Pflegeplätze und 23 Heimgebundene Wohnungen.
Ein Raum für Stille und mehr

Ein Ort mit besonderer Atmosphäre und kreativer Architektur: Der 2018 eröffnete „Raum der Stille“ im Ravensburger Berufsbildungswerk (BBW) der Stiftung Liebenau ermöglicht den Jugendlichen und Mitarbeitenden einen Platz für Ruhe und Spiritualität – oder einfach auch nur für eine kurze stille Auszeit vom Alltag.
Seelsorge: Aus Zuhören entsteht Zuwendung

Sehen, zuhören, wahrnehmen: Am Beginn seiner Tätigkeit im pastoralen Dienst der Stiftung Liebenau Anfang März war Florian Müller quasi nur ein „Mitläufer“. Fünf Wochen lang hat er auf Wohngruppen für Menschen mit Behinderungen hospitiert und ist in nahezu jedem Haus der Liebenau Teilhabe gewesen. Von Uhldingen bis Leutkirch hat er Menschen in ihrem Wohnumfeld besucht. Insbesondere die drei Fachzentren in Rosenharz, Hegenberg und Liebenau selbst, wo er sein Büro hat, standen auf dem Reiseplan.
Buntes Holzkreuz kündet von der Vielfalt der Menschen

Farbenfroh, aber nicht knallbunt ist das große Wandkreuz im neuen sozialtherapeutischen Wohnheim St. Helena der Stiftung Liebenau in Vogt. Seine unterschiedlichen Einzelteile ergeben trotz ihrer Unregelmäßigkeiten ein stimmiges Gesamtbild. Von diesem Holzkreuz geht eine große Faszination aus – weil es ein handgefertigtes Unikat ist, voller Symbolik steckt und eine Geschichte zu erzählen hat.
„Vom Ruhestand wollen die Schwestern nichts wissen“

Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Karl Borromäus ist seit fast 20 Jahren eng mit der Stiftung Liebenau verbunden. Im Jahr 2001 übernahm die Liebenau Österreich drei Pflegeheime der Kongregation in Oberösterreich, darunter das Haus in Stadl Paura, das Sozialzentrum Kloster Nazareth, in dem nun schon seit 154 Jahren Pflege geleistet wird. Wie die Tätigkeit der Schwestern heute aussieht, beschreibt die Generaloberin S.M. Christine Daniela Jedinger im Interview.
Unser Bild zeigt von links: Doris Kollar-Plasser, Regionalleitung Oberösterreich Liebenau Österreich, S.M. Christine Daniela Jedinger, die ehemaligen Leiterinnen im Haus St. Josef in Gmunden, S.M. Albine und Stefanie Bruckschwaiger.
Zugewandt bis ans Ende des Lebens

Wie begleite ich Menschen am Ende des Lebens? Diese Frage beschäftigt Heilerziehungspflegerin Carolin Schaaf. Bei ihrer Arbeit in der Wohngruppe St. Pirmin der Stiftung Liebenau hat sie innerhalb von vier Jahren sieben betagte Bewohnerinnen und Bewohner bis zu ihrem Tod begleitet. Das kann belastend sein, die 39-Jährige erlebt aber auch Freude, wenn sie Menschen begleiten darf, zu denen sie eine langjährige Beziehung aufgebaut hat. Nun möchte sie eine Ausbildung zur Palliativfachkraft machen.
Weblinks zu Werten und Seelsorge
Auf unserer Webseite informieren wir umfassend zu unseren Werten, unserer Haltung und den seelsorgerischen Angeboten. Unter folgenden Links können Sie sich im Detail darüber informieren:

