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Autismus – Experten räumen mit Vorurteilen auf

MECKENBEUREN-LIEBENAU – Keine lauten Geräusche, kein grelles Licht und am besten keine Berührungen – so lautet die gängige Verhaltensregel für den richtigen Umgang mit Autisten. Doch das muss nicht immer die beste Wahl sein. Entscheidend ist der Kontext. Das und noch vieles mehr, lernten die rund 200 Teilnehmenden, davon die Hälfte online, des dritten internationalen Fachtags der St. Lukas Klinik der Stiftung Liebenau in Kooperation mit der Europäischen Gesellschaft für psychische Gesundheit bei Intelligenzminderung (EAMHID).

Im Anschluss an seinen Vortrag beantwortete Dr. Peter Vermeulen Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer.

Im Anschluss an seinen Vortrag beantwortete Dr. Peter Vermeulen Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer.

Lachen erlaubt: Die zum Teil recht kurzweiligen Vorträge sorgten mitunter auch für Heiterkeit bei den Teilnehmenden des Fachtags.

Lachen erlaubt: Die zum Teil recht kurzweiligen Vorträge sorgten mitunter auch für Heiterkeit bei den Teilnehmenden des Fachtags.

Drei hochkarätige Fachleute als Referenten

„Bindung, Autismus und Problemverhalten bei Menschen mit intellektueller und Entwicklungsbehinderung“ lautete das Thema der Fortbildungsveranstaltung für Fachkräfte der Behindertenhilfe. Nach der Begrüßung aller Teilnehmenden durch Alfons Ummenhofer, Geschäftsführer der Liebenau Kliniken gGmbH, stellte Dr. Brian Fergus Barrett, Leitender Facharzt der Erwachsenenpsychiatrischen Institutsambulanz der St. Lukas Klinik und Präsident der EAMHID, die drei Referenten des Tages vor, allesamt ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet.

 

Mit „Autismus und der vorausschauende Verstand. Kontext-Blindheit 2.0“ startete Dr. Peter Vermeulen, Leiter und Gründer des „Autism in Context“ im belgischen Gent, die Vortragsreihe. Immer wieder band er dabei sein Publikum durch spielerische Fragen mit ein, um ihnen unter anderem die Unterschiede der menschlichen Wahrnehmung, anhand verschiedener Bilder, aufzuzeigen. Briefmarke, Kopfkissen oder gar Maultasche – was das gemalte Rechteck mit den gefransten Rändern letztendlich darstellen sollte, wurde erst durch seine Einbettung in den Gesamtzusammenhang – das vollständige Bild – deutlich. Wahrnehmung ist abhängig von den Erwartungen, die aus dem Kontext erwachsen, so Vermeulens Botschaft. Doch für Autisten ist eben diese Erkennung des Kontextes schwierig, nicht selten sogar unmöglich.

 

Die Kontext-Taste drücken

„Es hängt immer vom Kontext ab. Wir leben in einer relativen Welt, wo nichts eine feste Bedeutung hat“, so der Experte. Autisten lebten aber nach der Maxime „Absolutes Denken in einer relativen Welt“. Erst die Unvorhersehbarkeit der Dinge bereite diesen Menschen Probleme und Stress. Als Beispiel führte Vermeulen eine rote Fußgängerampel an. Habe ein Autist eine Fußgängerampel fast überquert und diese schalte plötzlich kurz vor Erreichen der anderen Straßenseite auf Rot, so würde der Autist entweder stehen bleiben oder aber umdrehen. Er kenne nur die Regel, bei Rot stehen zu bleiben. Die Fähigkeit, einzuordnen, dass nur noch ein Schritt zum Erreichen der anderen Straßenseite, des Zieles, ausreiche, fehle ihm. Dies bezeichnet Peter Vermeulen als „Kontext-Blindheit“. „Wir müssen für ihn die Kontext-Taste drücken“, empfahl der Experte im übertragenden Sinn.

 

Bezugsperson als Stresspuffer

Über „Die Bedeutung der Bindung bei Menschen mit intellektueller und Entwicklungsbehinderung“ referierte im Anschluss Dr. Paula Sterkenburg, Professorin an der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften der VU Universität Amsterdam. Nicht Reichtum, Ruhm und Ansehen, sondern „gute zwischenmenschliche Beziehungen sind der Schlüssel zu einem glücklichen, erfüllten Leben“, erklärte die Expertin. Auch Kinder mit intellektueller Behinderung und Autismus können Beziehungen aufbauen, es dauert bei ihnen nur deutlich länger, oft bis zu einem Jahr. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Kinder und Jugendliche in Stresssituationen, auf die sie mit herausforderndem Verhalten reagierten, bei Kontakt mit ihrer Bezugsperson deutlich ruhiger wurden. Ziel sei es, auf der Grundlage einer sicheren Bindung, dem Kind zu helfen, die Welt zu erkunden und seine Lebensqualität zu steigern.

 

„Problemkinder“ nicht abschieben

Genaues Hinschauen und auch mal die eigene Perspektive hinterfragen, mit der man auf verhaltensauffällige Menschen schaut, das fordert Geert Bettinger. Der Heilerziehungspfleger und Dozent für Gesundheit und Soziales am „Centre of Consultation and Expertise (CCE) in Utrecht, sprach zu dem Thema „Innehalten, um weiterzukommen – Ein anderer Blick auf ,Problemverhalten´“. Sein Ansatz liegt darin, den Grund für das erhöhte Aufmerksamkeitsbedürfnis und das herausfordernde Verhalten der Klienten herauszufinden. Statt diese als extrem verhaltensauffällig abzustempeln, sollte versucht werden, ihr Anliegen zu verstehen.  

 

Die Fachtagsdokumentation mit Handouts der Vorträge finden Sie hier.

 

 

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